Selbstbestimmungsrecht, Impfen, Impfpflicht (08.02.2016 16:45:42)

Impfen Teil 1: Impfpflicht – Wiedergängerin einer Schnapsidee

Ein bisschen Recherche und die Impfdebatte ist versachlicht. Weshalb klingt eigentlich so vieles bei diesem Thema immer noch nach Donald Trump?

 

Was steckt hinter der Forderung nach einer Impfpflicht und was würde sie bewirken?

„CDU fordert gesetzliche Impfpflicht für Kinder“ hieß es auf ZEIT ONLINE am 15.12.2015.[1] Das ist nicht weiter verwunderlich, denn die CDU ist ja praktisch bekannt dafür, dass die Tatsache, dass eine Maßnahme, die nachweislich nichts bringt, für die C-Parteien noch lange kein Grund ist, sie nicht einzuführen. Erstaunlicher ist da schon, dass Hermann Josef Kahl vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) diesen Beschluss begrüßt. Schaut man sich nämlich den Internetauftritt dieses Verbandes, „Kinderärzte im Netz“, an, wird dort am 17.09.2015, also kurz vor Kahls Verlautbarung, vor einer Impfpflicht aus sehr gutem Grund gewarnt.[2] Aber so kenne ich meine deutschen Ärzte, sie wissen nicht einmal, was in ihren eigenen Blättchen steht. Abgesehen von der verfassungsmäßigen Fragwürdigkeit, auf die ich am Schluss noch zu sprechen kommen werde, kann man mit einer Impfpflicht nur Schaden anrichten, was auch allen, die sich hier hervortun, bekannt sein müsste.

 

Nichtjuristische Folgen und Nachteile einer Impfpflicht

Eine psychologische Studie des Center for Empirical Research in Economics and Behavioral Sciences (CEREB) der Universität Erfurt konnte zeigen, dass durch eine (partielle) Impfpflicht die Bereitschaft zur Impfung bei Impfskeptikern um satte 39 % sank.[3] Die Wissenschaftler erläuterten, dass eine negative Auswirkungen auf das gesamte Impfprogramm zu befürchten seien. Die Wissenschaft spricht hier von „psychologischer Reaktanz“, die dazu führt, dass sich Personen, deren Entscheidungsfreiheit eingeschränkt wird, diese bei der nächsten Gelegenheit „zurückholen“. Gröhes neuester aktionistischer Coup, eine einseitig zur Impfung drängende Beratungspflicht, unter diesen Bedingungen wohl eher Zwangsberatung zu nennen, dürfte eine ähnlich fatale Wirkung haben.

Diese neue Studie bestätigt, was man eigentlich bereits seit Langem weiß. 1996 stellte der Hastings Center Report in Großbritannien fest, trotz Impfpflicht läge die Impfrate in den USA bei lediglich 83%, während in Europa damals schon bei Freiwilligkeit eine Impfrate von über 90% festzustellen war. [4]

Wie all diejenigen, die von einer Impfpflicht fantasieren, sich die praktische Umsetzung vorstellen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das Kind von der Polizei abholen lassen? Wohl kaum. Die Medienbilder stelle man sich mal vor. Den Kitaplatz von der Durchführung eines Impfprogramms abhängig machen? Die Waldorfkindergärten könnten sich über einen nie gesehenen Boom freuen. Da Schulpflicht besteht, kann man ungeimpften Kindern auch den Schulbesuch nicht verwehren. Treffend bezeichnet deshalb sogar der Vorsitzende der STIKO, Jan Leidel, diese Vorschläge wörtlich als „Käse“.[5] Zudem weisen Bioethiker darauf hin, dass die Lenkung der Impfentscheidung zum Beispiel durch Entzug von Leistungen ungerecht sei, da diese Maßnahme einseitig sozial Schwache treffen würde, darüber hinaus würde das Prinzip des informed consent verletzt. [6]

An der Forderung nach einer Impfpflicht lässt sich mal wieder die Verkommenheit unserer Eliten ablesen. Die einen wollen politisches Kleingeld wechseln, ohne Rücksicht auf Verluste, die anderen halten eine Impfpflicht für bequem, da sie ihr Honorar für die Impfungen ohne große Beratungsleistung kassieren können. Darüber hinaus sind autoritäre Einstellungen in der deutschen Ärzteschaft ohnehin sehr verbreitet. Weshalb aber sind autoritäre Konzepte so populär? Der nächste Akteur kommt ins Spiel: Die Rolle der Medien.

 

Die Qualitätsmängel in der Berichterstattung, speziell des deutschen Wissenschaftsjournalismus

Wissenschaft boomt, jeder möchte gern ein Wissender sein, leider allzu viele möchten das, ohne sich groß anzustrengen. Wissenschaftsjournalismus ist in Deutschland nicht besonders gut untersucht, ein paar interessante Studien gibt es aber doch. Ein Problem dabei ist die gnadenlos betriebene Vereinfachung und Verbildlichung der Sachverhalte, die es zu vermitteln gilt. Statt Verständlichkeit anzustreben, wird oft mit fragwürdigen Metaphern gearbeitet, die verschleiern statt zu erhellen und die zudem ziemlich intransparent verwendet werden.[7] Das andere Problem ist, dass konsequent gegen das Motto verstoßen wird, sich mit keiner Sache gemein zu machen, auch nicht mit einer guten. Heraus kommt sehr häufig ein den Leser gängelnder Beweihräucherungsjournalismus, gerne auch in skandalisierender Form, der nicht gerade das angeknackste Vertrauen in die deutsche Presselandschaft erhöht. [8]

 

Den Auswirkungen in den Kommentarteilen nachgespürt, liest sich das so:

„Wieso benötigt man eine ImpfPFLICHT?!?! Ich meine, jedes Elter, das noch alle Latten am Zaun hat, wird doch alle vom Kinderarzt empfohlenen Impfungen durchführen lassen! Freiwillig!“

 

„Erzählen sie das mal den esoterischen Impfverweigerern. Die schmeißen sich stellenweise Belladonna als homöopathisches Mittel ein, jammern aber wegen Alu in dem Impfdosen. Interessanterweise liegt die Menge Alu dort drin unter dem Grenzwert für Alu in der Muttermilch...“

 

„Das ist ein sehr guter Vorschlag der CDU, denn wenn so manche impfkritischen "Bildungsbürger" auf ihre Kinder losgelassen werden, dann wissen sie es immer besser als alle Experten, die ein vieljähriges Hochschulstudium hinter sich haben. Die Arroganz, die von diesen Kennern den Experten und Spezialisten entgegengebracht wird, zeugt regelmäßig von massiver Selbstüberschätzung ihres intellektuell-wissenschaftlichen Horizonts Kein Mensch käme auf die Idee, sein Auto von einem Bäckermeister reparieren zu lassen oder den Abfluss von einem Pfarrer abdichten zu lassen. Aber beim Thema Medizin, speziell Impfen, wissen es auf einmal alle besser und folgen hörig den Ausführungen selbsternannter Experten, die meistens keinerlei medizinische Vorbildung haben. Schlimmer noch, ganzen Expertengremien wie der STIKO oder dem Robert-Koch-Institut wird in wilden Verschwörungstheorien die komplette Kompetenz abgesprochen. Hier muss man sich wirklich fragen, inwieweit gelangweilten Wohlstandsbürgern auf ihrer Sinnsuche der Realitätssinn abhanden gekommen ist.Und die Leidtragenden dieser Fehlentwicklung sind leider oft genug schutzbefohlene Kinder, die keine Chance haben, sich gegenüber dieser Verblendung zur Wehr zu setzen...“

 

„Leider ist das nicht der Fall. Es gibt sogar, ob man es glauben will oder nicht, Masernpartys an denen Kinder mit an Masern erkrankten Kindern absichtlich in Kontakt gebracht werden, um sie 'abzuhärten' - wie ist ja alles natürlich. Das grenzt an schwerwiegende Körperverletzung. Leider hält sich immer noch hartnäckig die Meinung, dass Impfungen Autismus auslösen können. Diese falsche Annahme und Hauptargument der Impfgegner beruht auf einem einzigen(!) Paper, das zudem noch gerademal 8 oder 9 Kinder untersucht hat (die statistische Relevanz ist daher lächerlich) und dessen Thesen bereits zahlreich widerlegt wurden.

Aber selbst, wenn diese Autismusthese gestimmt hätte, dann ist die Frage, ob man nicht lieber ein autistisches anstatt ein schwer krankes oder totes Kind möchte...Den meisten Menschen ist einfach nicht bewusst, dass wir so geringe Sterberaten unter Kindern haben eben weil diese Krankheiten mit Impfungen in Schach gehalten werden. Ohne Impfungen würden wir heute noch millionenweise an der Pest sterben. Keiner dieser Menschen, die gegen Impfen sind hat wohl jemals ein an Polio oder Masern schwer erkranktes Kind gesehen...traurig aber wahr.“

Wenigstens bekommt man fürs Haareraufen ein wenig unfreiwillige Komik geboten. Kann mich noch genau an meine Pestimpfung erinnern… Ich glaube, die Durchimpfungsrate bei Pest beträgt 0%. Was beweist, dass man Impfungen gar nicht braucht…

Brav nachgeplappert, da ist das Sprechblasenbrevier des deutschen Mainstream schon ganz gut erfasst, nachgeprüft wird sowas ja nicht groß. Wozu auch, denn dafür hat man doch Autoritäten, oder etwa nicht?

 

Aber auch wo Science drauf steht, ist leider oft nur Vulgärwissenschaft drin.

„Ideologische Impfgegner verschulden Masern in München und Berlin. Die bislang dieses Jahr gemeldeten Masernfälle in Deutschland übertreffen bereits jetzt die an das Robert Koch Institut (RKI) übermittelten Erkrankungen des gesamten Vorjahres um ein Vielfaches. […]

Oder ist es einfach nur eine Konsequenz des Lebensgefühls des gut situierten Bildungsbürgertums: Biolebensmittel, Naturheilkunde, Homöopathie und andere “alternative” Medizin, dazu etwas esoterisch angehaucht, natürlich pharmakritisch und gegen Chemie?“

Diese Äußerungen von einem nach eigener Aussage promovierten Biologen und Dozenten am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation wirft ein erhellendes Licht auf das miserable Niveau, auf dem Naturwissenschaft bei uns betrieben wird. Tobias Maier [9] stellt sich unter „Wissenschaftskommunikation“ offenbar Meinungsmache und das Kreieren und Verstärken von Feindbildern vor. Dass die Zahlen des Vorjahres um ein Vielfaches übertroffen werden, sagt tatsächlich rein gar nichts über das Problem aus, wenn man nichts über die Bezugsgröße weiß und so etwas, Herr Meier, nennt man Manipulation. Und dann werfen wir noch Impfgegnerschaft, Homöopathie und Biolebensmittel in einen Topf, ist ja eh irgendwie alles dasselbe… Solche Leute werden bei uns also „Dozent“?  Na, dann kann ja nichts mehr schiefgehen, Ironieknopf aus.

 

Cherchez la femme: Was aus Sicht echter solider Wissenschaft hinter den Masernausbrüchen steckt

Hinter der fehlgeleiteten Diskussion steckt im Großen und Ganzen betrachtet  der Konflikt oder Gegensatz zwischen Natur-und Geisteswissenschaft. Unter Naturwissenschaftlern ist das Bewusstsein dafür wenig ausgeprägt, dass sich wissenschaftliche Daten nicht von selbst verstehen, sondern erst interpretiert werden müssen. [10] Unbewusst wird von ihnen eine Interpretation vorgenommen, die ihnen als die natürliche und logische erscheint und deshalb unreflektiert bleibt. Wir haben es also mit Leuten zu tun, die über viel gesellschaftliche Macht verfügen, aber nicht so wirklich wissen, was sie tun.

Was das Impfthema angeht, merken die Akteure, die sich auf solch dubiose Art und Weise hervortun, nicht einmal, dass sie gar nicht zuständig sind. Denn bei der Problematik von Impflücken und Impfskepsis geht es vor allem zunächst um das individuelle Bewerten von Risiken. Die Psychologin Cornelia Betsch forscht seit einigen Jahren zum Thema Impfen/Impfkritik und nimmt damit Politikern und sozialen Medien, die das Feindbild vom satten Bildungsbürger und seinen Masernpartys ungeprüft kolportieren, den Wind aus den Segeln. So handelt es sich laut Betsch bei der Masernparty um eine urbane Legende, für die es keine Belege gebe.

Die Zahl echter Impfgegner, die Impfungen grundsätzlich ablehnen, liegt bei lediglich 1%, das ergab eine von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Auftrag gegebene Umfrage [11], die früher erhobene Zahlen bestätigt. Dem Impfen gegenüber positiv eingestellt sind 65 % der Eltern, 35% wägen bei einzelnen Impfungen ab. Das am häufigsten genannte Motiv (60%) für die Ablehnung einer Impfung war ein Infekt/angegriffener Gesundheitszustand des Impflings  zum vorgesehenen Impfzeitpunkt. Einer Masernimpfung stehen die meisten Eltern positiv gegenüber, was sich in einer mittlerweile hohen Durchimpfungsrate niederschlägt, bei Einschulungen sind bereits 96% einmal gegen Masern geimpft, die zweite Impfung können 92% vorweisen.

Die Katastrophenszenarien, die die Medien bei Masernausbrüchen zeichnen, entbehren jeder sachlichen Grundlage. Die Impflücken finden sich überwiegend bei Erwachsenen, die aufgrund von Chaos bei Kriegsereignissen keine Impfung erhalten hatten (Jugoslawienkrieg) oder sie sind dem Impfprogramm selbst geschuldet. Man hatte angenommen, dass eine einmalige Masernimpfung ausreichend schützt, was dazu führte, dass die nach 1970 Geborenen eine Immunisierung weder durch eine Masernerkrankung noch durch eine ausreichende Impfung bekamen. Das Problem mangelnden Nestschutzes (Versorgung mit Antikörpern über die Plazenta), ist übrigens auch eine Nebenwirkung des Impfprogramms, denn die Masernimpfung ist zu schwach, um eine anhaltende Wirkung beim Neugeborenen zu erzielen. [12]

Daraus ergibt sich, dass relativ einfache Maßnahmen wie zum Beispiel eine Info-Kampagne bei den Krankenkassen oder Gesundheitsfürsorge bei den Asylsuchenden diese Lücken schließen könnten. Warum also dieser zur Apokalypse aufgeblasene Popanz in Medien und Kommentarteilen? Man muss wieder einmal fragen, wem das nützt. Dazu auch ein Ausblick auf Impfen Teil II:

Ein wichtiger Grund ist dieser immer häufiger vorkommende schlampige Rudeljournalismus, der auch den immer schlechter werdenden Bedingungen in dieser Branche geschuldet ist. Darüber hinaus sind einige Journalisten offenbar in das so genannte virale Marketing von Pharma-Konzernen eingebunden, da gibt es interessante Beispiele, die ich mir näher angeschaut habe. Zum Unbehagen, das Eltern bei der Impfentscheidung befällt nochmals Cornelia Betsch und ihre Forderung, man möge Geschichten statt Zahlen einsetzen, um die Impfbereitschaft zu erhöhen. Ich finde, man sollte auf beiden Seiten Geschichten nutzen, also auch konkret erzählen, wie ein Masernausbruch hier bei uns in der westlichen Welt tatsächlich aussieht, was ich anhand des Masernausbruchs in der Schweiz tun werde. Darüber hinaus gibt es einige sehr interessante wissenschaftliche Erkenntnisse, die es nahelegen, bei jeder einzelnen Impfung eine gründliche Abwägung zu treffen. Pharmakonzerne haben hier ein besonderes Interesse daran, den Eindruck zu erwecken, jedes Impfprogramm sei ein Fortschritt und vergleichbar den Programmen bei Pocken oder Polio. Deshalb passt das Kesseltreiben gegen vermeintliche Impfgegner, das man auch als Einschüchterungsstrategie sehen könnte, der Pharmaindustrie gut ins Konzept, sie ist vermutlich auch darin verwickelt. Cornelia Betsch spricht hier von „kenntnisloser Stigmatisierung von Impfskepsis“. [13]

 „Nein, dazu müsste man in der Impfaufklärung zunächst erst einmal einräumen, dass Ungeimpfte weder dumm noch uninformiert sein müssen.“

 

 

Impfpflicht gegen Masern aus juristischer Sicht

In der Fachzeitschrift Medizinrecht Ausgabe Dezember 2015 äußern der „Juniorprofessor“ Nils Schaks und der Anwalt und Arzt Sebastian Krahnert die Meinung, eine verpflichtende Masernimpfung sei verfassungsrechtlich zulässig. [14] Die Recherche, die zu diesem Schluss führt, ist leider, wie so oft bei Juristen, auch ziemlich junior. Diskutiert werden Scheinprobleme, man arbeitet mit Mutmaßungen und fragwürdigem Zahlenmaterial, das Ganze fällt sehr oberflächlich aus. Im letzten Absatz wird dann ziemlich entlarvend darauf verwiesen, die Impfpflicht würde ja nur die nach 1970 Geborenen betreffen. Der Eingriff in die Rechte sei wenig intensiv, weil der betroffene Personenkreis so klein sei. Für diese Beiden ist das Recht und sind auch die Grundrechte offenbar etwas völlig Beliebiges und auch wenn diese Tendenz schon lange zu beobachten ist, darf man dennoch hoffen, dass das Bundesverfassungsgericht sich der Frage mit sehr viel größerer Sorgfalt widmen würde.

Aus dem bisher von mir Erörterten lässt sich darauf schließen, dass eine Masern-Impfpflicht nicht zulässig wäre. Die Bereitschaft in der Bevölkerung, sich gegen Masern impfen zu lassen, ist ohnehin hoch, was man auch an hohen Durchimpfungsraten ablesen kann. Ein Grundrecht darf seinem Wesengehalt nach nicht angetastet werden, deshalb führt eine eindeutige Unangemessenheit der gesetzlichen Maßnahme im Verhältnis zur tatsächlichen Situation, die bekämpft werden soll, zur Verfassungswidrigkeit, hat das Bundesverwaltungsgericht einmal festgestellt. Darüber hinaus ist nicht einmal der Verhältnismäßigkeitsgrundsatz gewahrt, denn er erfordert unter anderem die Wahl des mildesten Mittels. Wie ich oben bereits erläutert hatte, sind bisher keinerlei Maßnahmen ergriffen worden, die die Schließung der Impflücken bei den nach 1970 Geborenen bewirken könnten. Auch das hat die psychologische Forschung bewiesen: Der Appell an das Engagement für das Gemeinwohl, hier insbesondere der Schutz besonders gefährdeter Säuglinge, erhöht die Bereitschaft zur Impfung ganz erheblich. Die Krankenkassen hätten die Möglichkeit, diesen Personenkreis gezielt und in geeigneter Form anzusprechen, so dass keinerlei Notwendigkeit besteht, gleich mit einem Impfzwang loszuschlagen. Da nachgewiesen wurde, dass eine verpflichtende Masernimpfung dem gesamten Impfprogramm erheblich schaden würde, ist eine gesetzlich vorgeschriebene Masernimpfung kein geeignetes Mittel zur Erreichung des angestrebten Ziels. Dieser Eingriff in das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit wäre somit verfassungswidrig.

 

Abschließend noch ein Zitat von Medizinrechtler Rüdiger Zuck in einem Aufsatz zum Impfrecht [15] aus dem Jahr 2008:

„Trotz  all  dieser  Beschränkungen,  die  sich  aus  den  rechtlichen  Rahmenbedingungen ergeben,  sollte  sich  der  aufklärende  Arzt  von  den  Gedanken  leiten  lassen,  dass  die eigene, d.h. persönliche Entscheidung des Patienten, über die erforderliche Maßnahme zum Schutz seiner Gesundheit seine, des Patienten Entscheidung ist. Es mag auch aus der Sicht der Gesellschaft wünschenswert sein, dass der einzelne  seinen  Beitrag  zum  Gemeinwohl  leistet,  indem  er  mit seiner  Impfentscheidung  zur  Durchimpfungsrate  beiträgt. Der  Patient  ist  aber  keineswegs  –  auch  nicht  moralisch  – gehalten, gegen seine Überzeugung sich für Gemeinwohlzwecke  instrumentalisieren  zu  lassen.  Wenn  der  Patient die zum Zeitpunkt seiner Entscheidung bekannten Fakten kennt und er sie verstanden hat, trifft er die Entscheidung und sonst niemand. Diese Entscheidung kann – folgerichtig – für oder gegen den medizinischen Standard ausfallen. Eine solcherart freie persönliche Entscheidung zu ermöglichen, ist die Aufgabe eines jeden Arztes.“

 

Leider ist die Information zur selbstbestimmten Entscheidung nicht nur beim Impfen graue Theorie. Respektiert man das Recht auf freie Entscheidung, was sich auch in einer umfassenden und nicht-selektiven Information niederschlagen muss, sind die meisten Menschen viel eher bereit, sich zum Wohl ihrer Mitmenschen impfen zu lassen.

 


 

[1]  15. Dezember 2015, ZEIT ONLINE: CDU fordert gesetzliche Impfpflicht für Kinder

 http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-12/cdu-beschluss-impfpflicht-kinder-masern-windpocken

[2]  Kinder-und Jugendärzte im Netz, News, 17.09.2015, Neue Studie zur Impfpflicht

 http://www.kinderaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/neue-studie-zur-impfpflicht/

[3]    https://www.uni-erfurt.de/?38326

[4]  Nicholson R (1996) U.K. Moves toward Compulsory Vaccination. Hastings Center Re-

port 26 (2): 4

[5]    http://www.wiwo.de/technologie/forschung/masern-epidemie-eine-masern-impfpflicht-wird-nichts-bringen/11418274.html

[6] Matthias Dahl, „Impfungen in der Pädiatrie und der „informed consent“ – Balanceakt zwischen Sozialpaternalismus und Autonomie“; Ethik Med (2002) 14:201–214

[7]  Michael Klemm, „Bilder der Wissenschaft“ in: Agard / Helmreich / Vinckel-Roisin, Das Populäre, Untersuchungen zu Interaktionen und Differenzierungsstrategien in Literatur, Kultur und Sprache.

[8] Unerreicht die Analyse von Robert Misik und dazu noch amüsant. http://derstandard.at/2000013293700/Wir-Jungs-und-Maedels-von-der-Luegenpresse

[9] „WeiterGen“, das Blog von Tobias Meier mit seinen Aussagen über die Masernausbrüche, auch hier wieder vom Autor ungeprüft weitergegeben. http://scienceblogs.de/weitergen/2013/07/ideologische-impfgegner-verschulden-masern-in-munchen-und-berlin/

[10]  Diese Interpretation ist dann das Einfallstor für Ideologie und Manipulationen.

[11]  Kinderimpfungen: Was Eltern denken

http://www.bzga.de/presse/pressemitteilungen/kinderimpfungen-was-eltern-denken/

[12]   http://www.br.de/nachrichten/masern-grippe-muenchner-runde-100.html

Eine Sendung des BR zeigt neuerlich, was man vom heutigen Qualitätsjournalismus in den öffentlich-rechtlichen Medien zu halten hat.

„Diese Auffassung vertritt Steffen Rabe, ein Münchner Kinderarzt. Denn die Mütter, welche die Masern durchgemacht haben, geben ihren Kindern einen Nestschutz mit, der diese etwa bis zur Vollendung des ersten Lebensjahres immunisiere, so seine These – und schon steckt man drin im Glaubenskrieg um die Impfung.“

Eine offensichtlich völlig unvorbereitete Redaktion hat es noch nicht einmal bis zum RKI geschafft, um herauszufinden, dass es sich beim Nestschutz um keine „These“ handelt, sondern um eine Tatsache.

„Außerdem weisen Frauen nach einer Impfung einen niedrigeren Antikörperspiegel auf als nach einer durchgemachten Infektion, schreibt das RKI. Der Nestschutz falle daher geringer aus und könne potenziell den Zeitraum bis zur Masernimpfung des Kindes nicht mehr überbrücken, vor allem wenn diese zu spät erfolgt.“ Zitiert die PZ online das RKI.

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=50078

[13]  FAZ online vom 24.07.2013, Die Impfskepsis der Eltern. Ein echtes Dilemma

http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin/die-impfskepsis-der-eltern-ein-echtes-dilemma-12291395-p4.html?printPagedArticle=true#pageIndex_4

[14] Schaks/Krahnert, Die Einführung einer Impfpflicht zur Bekämpfung der Masern. Eine zulässige staatliche Handlungsoption, MedR (2015) 33:860–866

[15]     Rüdiger Zuck, Impfrecht. Impfempfehlungen. Impfentscheidung. MedR (2008) 26: 410-414

 

 

 

 
 
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