Die Mesalliance zwischen Juristerei und Medizin


 


Überhöhung des ärztlichen Berufsstands

 

„Der regelmäßig sozialversicherte Patient und seine Angehörigen - oft ungeduldig und durch Gazetten verbildet - zeigen sich immer weniger bereit, Schicksalsschläge zu tragen und sich mit einem Schaden abzufinden. Die Bereitschaft zum Haftpflichtprozeß ist gewachsen. […]Das Verbot ärztlicher Eigenmacht soll dem Leidenden das Wahlrecht gewährleisten, zu entscheiden, was er selbst unter den gegebenen Umständen als das geringere Übel ertragen will. Der eigenmächtige Arzt verstellt dem Patienten diesen Scheideweg, doch im Interesse seines gesundheitlichen Besten.“

 

Das Zitat erinnert mich an die Worte der Führer von Gilead aus dem „Report der Magd“ von Margaret Atwood: „Wir hätten ihnen nicht erlauben sollen, lesen zu lernen“. Das Eingangszitat stammt von Adolf Laufs, einem im Januar 2014 verstorbenen  Rechtsprofessor, der das deutsche Medizinrecht „maßgeblich gestaltet und geprägt“ hat. Laufs stammte aus einer „kinderreichen Arztfamilie“ und damit sind wir bereits in medias res. Wenn man ein wenig in seine Schriften hineinliest, bestätigt sich das, was das Zitat schon deutlich werden lässt: Der Mann, der das deutsche Medizinrecht geprägt hat wie kein anderer, betrachtet die Materie aus der Arztperspektive und macht sich letztere zu eigen. Das Ergebnis ist also nicht weiter erstaunlich: Der ärztliche Berufsstand wird in mythisches Licht getaucht, während den Patienten, als klagewütig, gierig und nicht besonders helle dargestellt, eine Art Paria-Status zugewiesen wird. Wer nach empirischen Belegen sucht, findet  - so gut wie nichts.

 

 

Eine seltsame Machtclique

 

Es ist ein merkwürdiges Realitätskonstrukt, das der elitäre Zirkel aus Ärzten und Juristen da zur Abwehr von Patienteninteressen hervorgebracht hat. Die Akteure: eine Handvoll Arztsöhne im Juristengewand, auf die man sich immer wieder bezieht und die über Jahrzehnte hindurch ständig überall zitiert werden. Der Grad der Einflussnahme der Ärzteschaft auf die Rechtsprechung versteckt sich hinter einer Reihe von Begriffen und Kampfvokabeln, die die Entrechtung deutscher Patienten verschleiern. Am Beginn steht immer die idealisierende Rede vom guten Arzt, der sich aufopfert und nichts anderes im Sinn hat, als das Patientenwohl. Aber böse Mächte halten ihn davon ab, denn Sozialversicherung, der moderne Interventionsstaat, ökonomische Zwänge und nicht zuletzt und immer wieder die Forderung des Patienten nach Selbstbestimmung stehen den ärztlichen Wohltaten angeblich im Weg. Vor allem die Begriffe Verrechtlichung und  Defensivmedizin sollen die höchst einseitige Bevorzugung der Ärzte legitimieren.

 

 

Verklärende Nostalgie

 

Es beginnt immer mit der Beschwörung eines seligen Früher. Da waren Ärzte noch ausschließlich dem ärztlichen Standesrecht verpflichtet und kein angeblich realitätsfremder Jurist und kein Patient mit gesund ausgeprägtem Selbsterhaltungstrieb hat da hineingepfuscht. Von „Dignität“ der Heilbehandlung ist da die Rede, vom Tabu, das auf der Arzt-Patient-Beziehung früher einmal lag, von der Betonung der Einzigartigkeit, der Unvergleichbarkeit, der Intimität und der Unabdingbarkeit eines „geschützten“ Vertrauensverhältnisses, in Wirklichkeit wohl ein geschütztes Machtverhältnis zugunsten des Arztes. Weiter wird von der Fürsorge, dem Verständnis und sogar von der Liebe geschwurbelt, die in dieser besonderen Beziehung angeblich gründete. Ein im Medizinrecht führender Jurist versteigt sich sogar zu der Feststellung, der Patient würde sein Selbstbestimmungsrecht „durch den Arzt“ ausüben.

Wie die Realität der Medizingeschichte aussah, können wir z.B. bei Michel Foucault (Die Geburt der Klinik) nachlesen. Er ordnet das Thema dort ein, wo es hingehört: Bei der Macht und dem Machtmissbrauch. Man denke nur an die Causa Semmelweis. Wer das Pech hatte, arm zu sein, war Ärzten gnadenlos ausgeliefert und wurde als Versuchskaninchen für die „ärztliche Kunst“ missbraucht. Die Wahrheit ist, dass Ärzte immer schon unter dem Deckmäntelchen des Helfens ihre Eigeninteressen verfolgt haben. Ich bin mir sicher: Schon Hippokrates wusste, dass besagter Eid eine höchst wirksame Nebelkerze ist, die in Wirklichkeit die Basis ärztlicher Macht darstellt. Bis heute macht er Ärzte weitgehend immun gegen Kritik, wo sie geäußert wird, wird sie unverzüglich abgeschwächt. Ärzte brauchen nicht einmal selbst nach Ausreden zu suchen, immer findet sich schnell jemand, der das für sie erledigt. Anschauliches Beispiel aus jüngster Zeit ist der Transplantationsskandal.

Das Fazit deutscher Juristen ist, dass man den Arzt, offenbar eine Art verschrecktes Kaninchen, nicht einengen darf, indem man Patienten großzügig Rechte zuweist und ärztliche Macht kontrolliert. Denn durch diese nicht näher beschriebene angebliche Verrechtlichung bewirkt man für Patienten angeblich Schreckliches: Die so genannte Defensivmedizin. Bevor ich darauf näher eingehe, möchte ich diesen von Juristen kontinuierlich gepflegten Verzerrungen einen Satz von Schüler-Springorum entgegenhalten:

 

"The best society can do for its members is giving them rights, because it is the most organised form of valuing them as human beings."

 

 

Die Schreckgespenster: Verrechtlichung und Defensivmedizin

 

„Inflation der Paragrafen sät Misstrauen in den Arztpraxen“ heißt es in der Ärzte Zeitung Nr. 39 vom 07.04.2014. Gerne arbeitet man mit Metaphern wie der „Gesetzesflut“ und mit Begriffen wie „durchreguliert“ kann man gut Stimmung machen. Wer genauer hinsieht bemerkt aber, dass diese Gesetze zunächst einmal eine Antwort auf das Fehlverhalten von Ärzten sind. Ich wäre sehr gespannt darauf, würden Juristen tatsächlich einmal konkret werden, welche Vorschriften denn so überflüssig seien. Es ist müßig, sich zu beklagen, dass die Moderne modern sei, denn eine komplex strukturierte und hoch arbeitsteilige Gesellschaft braucht Vorschriften und für die Medizin gilt nichts anderes. Die viel geschmähte Bürokratie schützt und sorgt nicht selten für gerechte Verhältnisse, wie ein Zeit-Artikel kürzlich darlegte.

Was das Vertrauen angeht, vertauscht man hier Ursache und Wirkung. Nicht die rechtlichen Konsequenzen sind ursächlich für das Misstrauen, sondern die Verstöße gegen Regeln durch Ärzte, die sie auslösen. Stattdessen sollte man lieber von Rechtsverweigerung gegenüber Patienten sprechen, von denen man so etwas wie „Zwangsvertrauen“ postuliert. Besonders bemerkenswert ist dieser Teil der ärztlichen Opferrhetorik, da Ärzte selbst ja schon gerne mit ihrer hochbezahlten Anwälte-Armada anrücken, wenn ihnen etwas nicht passt. So sind z. B. die Fachgerichte auch gut mit so „wichtigen“ Themen beschäftigt wie dem, wo ein Arzt sein Praxisschild aufhängen darf.

Den Begriff Defensivmedizin gibt es in positiver und negativer Ausprägung. Einerseits ist damit gemeint, dass Ärzte auf riskante Behandlungsmethoden verzichten und diese den Patienten nicht zur Verfügung stehen, häufiger jedoch meint man damit durch die Furcht vor Haftung motivierte Überbehandlung und Überdiagnostik. Sucht man nach Belegen für die meist dramatisierende Darstellung, beziehen sich alle auf im Wesentlichen einen einzigen Aufsatz eines Ärzteanwalts. Dort finden sich jedoch nur Mutmaßungen, Behauptungen und Zahlenspiele in freier Assoziation. Wie eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Problem aussieht, muss man sich - wieder einmal – im Ausland ansehen.

 

 

Ist Defensivmedizin gut oder schlecht für Patienten?

 

Eine gute und doch naheliegende Frage, die deutsche Juristen nicht stellen. DeKay und Asch stellen sie und zeigen, wie man sich auf gutem Niveau und unvoreingenommen mit dem Thema auseinandersetzen kann. Sichtbar wird auch, wie es aussieht, wenn man tatsächlich am Wohlergehen der Patienten interessiert ist. Wenig überraschend ist, dass schon das kleinste Haftungsrisiko zu einer Ausweitung der Diagnostik führt, auch, dass diese Ausweitung einigen Patienten nützt. Wenn man sich vor Augen hält, dass 2% der Kopfschmerzen auf eine ernste Gehirnerkrankung zurückzuführen sind, wird auch klar, dass das Problem eine andere Dimension hat, als die deutsche Simplifizierung  (wieviel?) mehr Haftung = mehr Defensivmedizin.

Pauker und Pauker vergleichen das Problem Defensivmedizin mit einem Vexierbild. Was von deutschen Juristen als Defensivmedizin als angebliche Folge zu scharfer Haftungsregeln bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit eine verfehlte Haltung von Ärzten aufgrund von Verantwortungsscheu und Unrefelektiertheit des eigenen Handelns. Es ist das Unbehagen und auch Unvermögen der Ärzte, mit Unsicherheiten und Risiken angemessen umzugehen. Die Qualität des Arzt-Patienten-Verhältnisses kann diese Ängste reduzieren, aber diese hängt ganz wesentlich auch vom Verhalten des Arztes ab. Hierher gehört vor allem die schnelle Abfertigung des Patienten durch den Arzt, denn bekanntlich nehmen sich deutsche Ärzte besonders wenig Zeit für ihre Patienten. Als wichtig erachten Pauker und Pauker die „decision diad“ zwischen Arzt und Patient und den Grad des gegenseitigen Respekts. Gerade an dem fehlt es aber in der deutschen Medizin, wie die Kapitel über die Haltung zur Selbstbestimmung des Patienten und zur falschen und manipulativen Aufklärung deutlich machen. Es spricht für sich, dass die anglo-amerikanischen Autoren von einer „decision-diad“ sprechen, während deutsche Juristen verklärend von einer „Arzt-Patienten-Diade“ schwurbeln.

 

 

Rezepte gegen die Defensivmedizin

 

Die einzig ernsthafte Auseinandersetzung mit der Defensivmedizin in Deutschland stammt von Anja Olbrich, allerdings muss sie dabei wiederum auf Publikationen aus dem Ausland zurückgreifen. Ein weiterer interessanter Aspekt tritt zutage, nämlich die Auswirkungen der Qualität von Gerichtsurteilen auf das ärztliche Handeln. Fehlurteile können je nach Charakter des Arztes sowohl zur Ausdehnung defensivmedizinischer Maßnahmen als auch zur Verschlechterung der Sorgfalt bei der Behandlung führen. Ein eindrucksvolles Beispiel für Defensivmedizin durch Fehlurteil werde ich anhand eines fragwürdigen Urteils zum Mammographiescreening besprechen. Somit haben wir mit einer weiteren Ursache auch eines der Heilmittel identifiziert: Die bessere Aus-und Weiterbildung von Richtern sowie eine bessere Kontrollmöglichkeit gegenüber medizinischen Sachverständigen.

Während also Mediziner und Juristen als Heilmittel gegen die Defensivmedizin eine Beschneidung von Patientenrechten vorschlagen, wie sie auch seit geraumer Zeit leider schon praktiziert wird, ist eine Stärkung der Patientenautonomie, eine bessere Reflexion der eigenen Haltung gegenüber Risiken durch Ärzte und eine bessere Ausbildung der Richter vonnöten.

 

 

Wie kann es Defensivmedizin überhaupt geben?

 

Wenn ein Arzt am Patienten einen Eingriff nur deshalb durchführt, um sich gegen Haftung abzusichern, begeht er Körperverletzung, da diese Behandlung nicht medizinisch indiziert war. Über eine solche defensivmedizinische Maßnahme muss (müsste) der Patient auch aufgeklärt werden, weshalb das ganze Getöse um die Defensivmedizin eigentlich ohnehin widersinnig ist. Aber nichts ist so verrückt, dass es nicht von Ärzten gefordert werden würde. Auch das Thema Defensivmedizin wird genutzt, um eine Abschwächung der Aufklärungspflichten zu fordern, die Ärzten ja ein Dorn im Auge sind. Aber wie wir gesehen haben, muss man vielmehr das Gegenteil verlangen. Strengere Aufklärungspflichten bewirken eine Eindämmung der Defensivmedizin und nicht eine Ausweitung, denn ein ordentlich durchgeführtes Aufklärungsgespräch lässt ja bekanntlich die Haftung entfallen.

Man kann also nachweisen, dass Defensivmedizin und angebliche Verrechtlichung nur ein vorgeschobener Grund sind, um Patienten Rechte zu verweigern und abzuschneiden.

 

 

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Nachweise und Links werden in Kürze nachgetragen