Kristellern aus wissenschaftlicher Sicht

 

Unter dem Kristeller-Handgriff  ist der Druck auf den Oberbauch der Mutter durch das medizinische Personal bei der Geburt zu verstehen.

 

Das Bild, das in der Öffentlichkeit von ärztlichen Behandlungsfehlern gezeichnet wird, ist das des Arztes, der trotz bester Absichten schicksalhaft Fehler macht und so den Patienten schädigt. In der Realität sieht die Sache indes ganz anders aus.Iss ja nicht mein Körper“ scheint die Devise vieler Ärzte zu sein. Eine laxe Justiz spielt eine nicht unwesentliche Rolle, denn Ärzte können sich, anders als beispielsweise in den USA, berechtigte Hoffnungen machen, einer Haftung zu entgehen. 

Paradebeispiel für verantwortungslosen Umgang mit der Gesundheit von Patienten ist das so genannte „Kristellern“, das zentral auch im Zusammenhang mit dem Thema „Gewalt in der Geburtshilfe“ diskutiert wird.

 

In einem Kommentar zu einem Artikel in der FAZ[1] meint ein Leser:

 

„Nachdem ich das zweifelhafte Vergnügen gehabt habe mehreren deutschen Ärzten beim 'Kristellern' zuschauen zu dürfen, beschleicht mich der Verdacht, dass es möglicherweise auch diesen medizinischen, mittelalterlich anmutenden Foltermethoden zu verdanken ist, dass so viele Frauen in Deutschland sich entscheiden nur ein Kind zu haben. Eine Studie, die diese These verifizieren würde, wäre angebracht.“

 

Das Kristellern mutet nicht nur an wie eine mittelalterliche Foltermethode, es ist auch hochgefährlich und medizinisch hochumstritten. Sichtet man die Fachliteratur ist klar: Diese „geburtshilfliche“ Maßnahme sollte auch in Deutschland längst verboten sein.

Was das Klinikum Marienlob* angeht, wurde auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in München erst 2010 wieder eindringlich vor dem Kristellern gewarnt, also wenige Monate vor dem hier beschriebenen Übergriff auf eine Gebärende. Auch nach diesem unglaublichen Vorfall beharrte man zunächst noch darauf, die Frauen weiter so zu traktieren, wie ein Beitrag auf Klinikbewertungen.de zeigt. Erst nach vehementer patientenseitiger Intervention auf der Bewertungsseite – die Beiträge wurden auf Druck  der Anwältemeute des Klinikums ja wieder entfernt – verzichtet man jetzt offenbar auf diese grausame und gefährliche Praxis.

 

 

Was sagt die Fachwelt?

 

Ziemlich deutlich in seiner Ablehnung wird Peter Husslein von der Universitätsfrauenklinik Wien, indem er von mechanistischer Vorstellung des Herausdrückens spricht:

 

„…. weil dieser Handgriff besonders von unerfahrenen Geburtshelfern oft ohne vorheriges Abschätzen der Situation aus der rein mechanistischen Vorstellung des >Herausdrückens des Kindes< durchgeführt wird….“

 

Nun, im Klinikum Marienlob* braucht man dafür keine Anfänger, dort wird so etwas von der Oberärztin verbrochen. Wie aber auch ein deutscher Fachartikel[2] zeigt, ist es auch Ärzten durchaus möglich, diesen – übrigens sinnlosen – Handgriff als Gewaltakt gegen Gebärende zu erkennen:

 

„Sie leiden nur noch durch diese brachiale Gewalt, die geburtsmedizinisch nicht notwendig ist und vielmehr häufig nur die Wartezeit für die Ärzte und Hebammen verkürzen soll.[…] Der Vorgang des >Kristellerns< sollte allerdings streng nach den veröffentlichten Empfehlungen durchgeführt und nicht verändert werden, wie beispielsweise durch den Einsatz von Ellenbogen o.ä. Mir sind Todesfälle durch unsachgemäßes Kristellern bekannt.“

 

Im Klinikum Marienlob* wurde das Kristellern jedoch auf denkbar gefährliche Weise durchgeführt. Eindringlich wird vor dem Einsatz von Ellenbogen, Fäusten und Unterarm gewarnt. Kontraindikationen wurden nicht beachtet: Es darf nicht kristellert werden, wenn die Wehen zu schwach sind und der Kopf nicht mindestens am Beckenausgang sitzt. Man fragt sich darüber hinaus, was die Geburts-„Helfer“ geritten hat, das 40 Minuten lang zu praktizieren ohne den Hinweis der Gebärenden ernst zu nehmen, dass die PDA nicht wirkt.

Wer so agiert, geht gravierende Risiken ein. Risiken beim Kind entstehen vor allem aufgrund des starken Drucks auf den Kopf, es kann zur Minderdurchblutung und zerebralen Schäden[3] kommen. Zu frühes Kristellern kann ein Auslöser für eine Schulterdystokie oder einen Nabelschnurvorfall sein. Rückenmarksschädigungen, Brüche sowie akuter Sauerstoffmangel infolge mütterlicher Verletzungen sind weitere gefährliche Zwischenfälle, mit denen zu rechnen ist.

Auf der mütterlichen Seite wurden schwere Verletzungen wie Rippen- und Symphysenbrüche sowie Leberrisse beobachtet. Auch schwere Verletzungen an der Gebärmutter wie Uterusriss, Verletzung des Myometriums mit vorzeitiger Plazentaablösung und Inversion der Gebärmutter können sich einstellen. Die Gefahr für Dammrisse Grad III und IV ist signifikant erhöht, es wurden außerdem erhöhte Raten an Analsphinkterrissen festgestellt. Berüchtigt sind die starken Schmerzen, die mit dem Kristellern einhergehen bis hin zur Atemdepression und zum Schockzustand bei der Gebärenden.[4]

All diese Gefahren stehen in keinem Verhältnis zum Nutzen. Eine evidenzbasierte Studie[5], die an der Universitätsfrauenklinik in Wien durchgeführt wurde, ergab keine Reduzierung der vaginal-operativen Geburten durch den Einsatz der Kristeller-Technik. Freilich sah man dort vom Einsatz roher Gewalt ab.

Geradezu als verbrecherisch erachte ich es, wenn der Kristeller-Handgriff dazu benutzt wird, einen Kaiserschnitt zu vermeiden. Immer wieder kommt es bei solchen Versuchen auch zu Zwischenfällen, die schwere Behinderungen beim Kind nach sich ziehen[4]. Das Thema hängt auch mit einem weiteren Skandal zusammen: Der Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts der Frau beim Kaiserschnitt. Dazu, vor allem auch zur hanebüchenen Begründung der Rechtsprechung in solchen Fällen ist noch ein eigenes Kapitel geplant.

Zur Reduzierung der Schnittrate, wie der Kristeller-Handgriff im Klinikum Marienlob* eingesetzt wurde, gibt es eine interessante Äußerung von Amiel-Tison et al.: Bei einer Schnittrate von 15% hätten sich die Schäden am Gehirn von Neugeborenen spürbar reduzieren lassen. Die derzeit populäre, auch durch Medien verbreitete Kaiserschnitt-Vermeidungsrhetorik muss näher in Augenschein genommen werden. Es gibt die unnötigen Kaiserschnitte, aber es gibt auch die versäumten Kaiserschnitte, das Thema ist wesentlich komplexer, als es in den meisten Medienberichten dargestellt wird.

 

 

Rechtliche Aufarbeitung

 

Auch in diesem Fall versagte die Justiz auf ganzer Linie. Bedenkt man, dass nachweislich eine drohende Haftung tatsächlich auch zu sorgfältigerem Handeln führt und der Schadensersatz auch präventiven Zwecken dient, hat dieses Versagen einige Brisanz. Dass es auch ganz anders geht, zeigt eine Initiative von Hebammen und Krankenschwestern in den USA[6].

Dort waren es Strafverteidiger, die den Hebammenverband darauf hinwiesen, dass sie im Fall des Kristellerns wenig Aussicht sähen, ihre Mandanten wirkungsvoll zu verteidigen. Daraufhin stellte man Material auf evidenzbasierter Grundlage zusammen, letztlich auch, um eine Aufforderung von Ärzten, den Kristeller-Handgriff anzuwenden, ablehnen zu können.

Die Staatsanwaltschaft München verweigert hingegen Gebärenden und Patienten praktisch jeglichen Schutz. Interessant ist vor allem auch, wie sie das tut. Es zeigt sich wieder einmal, dass es für das Klinikum Marienlob* extrem nützlich ist, gute Kontakte mit CSU-Granden zu pflegen. Das Fazit des frühen „Whistleblowers“ Wilhelm Schlötterer[7] bewahrheitet sich ein weiteres Mal:

 

 „Die bayrische Politik steuert die Justiz, und das seit Jahrzehnten.“

 

Auf Wunsch der Geschädigten ließ der MDK ein Gutachten erstellen, das feststellt, das Kristellern hätte unterbleiben und es hätte ein Kaiserschnitt vorgenommen werden müssen. Die Vorgehensweise des geburtshilflichen Personals des Klinikums Marienlob* war nicht lege artis. Was tut die Staatsanwaltschaft? Sie gibt ein weiteres Gutachten in Auftrag bei einem „alten Bekannten“. Prof. Dr. M. darf, wie in meinem Fall, die gottesfürchtigen Schwestern wieder herauspauken, nach dem Motto „Es wird so lange begutachtet, bis das für uns Gewünschte herauskommt“. Und Prof. Dr. M. enttäuscht seine Anhänger nicht. 20 bis 30 Prozent der Frauen sähen nach einer Geburt so aus wie die Klägerin, gibt er zum Besten, das Ergebnis sei also „normal“. Offenbar besitzt Prof. Dr. M. ein Zusatzdiplom in Zynismus. Da das Kind geboren worden sei, könne die Kindslage auch nicht „geburtsunmöglich“ gewesen sein.

Dass in Deutschland in der Medizin so manche Monstrosität für normal erklärt wird, sollte langsam der Vergangenheit angehören, dafür setzt sich diese Seite ein.

 

 

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[1] Der Schein der schönen Geburt von Martina Lenzen-Schulte vom 15.10.2010

http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin/geburtshilfe-der-schein-der-schoenen-geburt-1607208.html

 

[2] Eldering G et al., Gibt es noch Indikationen für den Kristeller-Handgriff? Gynäkologische Praxis 29, 443-447 (2005)

 

[3] Amiel-Tison C et al., Cerebral handicap in full-term neonates related to the mechanical forces of labour. Baillieres Clin Obstet Gynaecol. 1988 Mar; 2(1):145-65.

 

[4] Matthias David et al., Charité Universitätsmedizin Berlin, "Sinn und Unsinn des Kristeller'schen Handgriffs"

http://www.ggg-b.de/_download/unprotected/DAVID.pdf

 

[5] Schulz-Lobmeyr H et al., Die Kristeller-Technik: Eine prospektive Untersuchung. Geburtshilfe und Frauenheilkunde 59 (1999) 558-561

 

[6] Tongate S, Gibbs JD, Nurses, physicians and disagreements about fundal pressure: how we used evidence to change practice. Nurs Womens Health. 2010 Apr; 14(2):137-42.

 

[7] Wilhelm Schlötterer, Wahn und Willkür. Strauß und seine Erben oder wie man ein Land in die Tasche steckt. Heyne, München 2013

http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Schl%C3%B6tterer