Fehlgeburt im Klinikum Marienlob*

 

Bei der ersten Gelegenheit haben sie sofort zugeschlagen. Dass mir in dieser Klinik passiert ist, was mir passiert ist, wirft ein bezeichnendes Licht auf das Klinikum Marienlob* wie auch auf die deutsche Ärzteschaft insgesamt. Der Tatsache zum Trotz, dass ich schon immer eine Ärzten gegenüber sehr kritisch eingestellte, alles andere als leichtgläubige Patientin war. Ich kam in diese Klinik, um mir eine Spritze für die Rhesusprophylaxe geben zu lassen und aus der Sache heraus kam ich mit einem völlig überflüssigen und schädigenden Eingriff, völlig traumatisiert durch die psychische Gewalt, die diese Ärzte zum Erreichen ihrer Ziele eingesetzt hatten. Bis zu meiner Schwangerschaft hatte ich kaum nennenswerten Arztkontakt, was dazu beigetragen haben dürfte, dass ich mich habe überrumpeln und einschüchtern lassen. Womit ich nämlich nicht gerechnet hatte, nicht rechnen konnte, war die kriminelle Energie, die sich anhand dieser Geschichte offenbart. Bis dahin war ich eine fitte, gesunde Frau, die sich in ihrem Körper wohl gefühlt hat. Im Klinikum Marienlob* wusste man das im Rekordtempo zu ändern.

Ich hatte nie eine Schwangerschaft geplant, die Freundinnen waren kinderlos bzw. ich hatte von deren Schwangerschaften nichts mitbekommen. Als ich selbst überraschend schwanger wurde, war ich urplötzlich euphorisch, aber hatte keine Ahnung, was man eigentlich macht, wenn man einen positiven Test in der Hand hält. Also ab ins Internet und da kam schon die Ernüchterung: Ungefähr 20 % aller Schwangerschaften enden mit einer Fehlgeburt, ein Faktum, das die Gesellschaft irgendwie nahezu geheim hält. Wahres Entsetzen erfasste mich, als ich auf diversen Internetseiten erfuhr, was man mit Frauen, die dieses Schicksal ereilt, macht. Das Wort „Ausschabung“ weckte genau die Assoziationen, die sich nach späterer Recherche der wissenschaftlichen Literatur als völlig instinktsicher und zutreffend herausstellen sollten. Was man als Ausschabung oder Kürettage bezeichnet, ist ein absolut roher und gewalttätiger Umgang mit dem weiblichen Körper. Ich war erleichtert, als ich auf Entwarnung stieß,  man könne auch den Dingen ihren natürlichen Lauf lassen. Es sollte sich herausstellen, dass diese sehr allgemein gehaltene Information in dem häufig eintretenden Fall, dass Frauen in einer solchen Situation von Ärzten stark bedrängt und manipuliert werden, nicht weiterhilft.

 

 

Rendevous mit Dr. Minotaurus

 

Ins kollektive Bewusstsein hat sich eingegraben, dass Fehlgeburten hochdramatische und für Frauen lebensbedrohliche Ereignisse seien. Was für eine irrwitzige Vorstellung! Sie sind das nur sehr selten und auch ich war erstaunt, dass ich das tieftraurige Ereignis körperlich fast schmerzlos und wenig beeinträchtigt verkraftete. Nichts geschah, von dem ich annahm, ich bräuchte ärztliche Hilfe. Dennoch wollte ich ärztlichen Rat einholen, worauf bei einem natürlichen Verlauf zu achten sei. Ich Schaf dachte, es sei von deutschen Gynäkologen ehrliche Antwort zu erwarten!

So nahm das Verhängnis seinen Lauf. Die Ärztin am Telefon musste so tief Luft holen, als ich sagte, ich wolle eine natürliche Fehlgeburt abwarten, dass sie eine halbe Minute stumm blieb. Dann hielt sie sich – wie im Marienlob* üblich – für besonders schlau und dachte wohl, wenn wir die erst mal da haben, werden wir ja sehen, ob so eine dahergelaufene Patientin irgendetwas gegen uns entscheidet. Ich müsse dringend vorbeikommen, meinte sie, denn es müsse eventuell eine Rhesusprophylaxe vorgenommen werden, für die nur ein kleines Zeitfenster zur Verfügung stehe.

 

In der Klinik angekommen wurde ich zunächst zuckersüß angeschleimt, wie die Imagepflege dieses Krankenhauses es gebietet. Das änderte sich schlagartig, als ich wieder mein Sprüchlein aufsagte, ich wolle eine natürliche Fehlgeburt abwarten. Da ich insistierte, fühlte sich die sehr junge Ärztin wohl überfordert und verschwand ohne Erklärung, um eine ältere Kollegin zu holen, wovon sie mir aber nichts sagte. Frau R. stand urplötzlich in der Tür, musterte mich mit dem Blick „Ach, so sieht eine aus, die sich unserem hochkompetenten ärztlichen Rat zu widersetzen wagt“ und erklärte, sie werde jetzt „weitermachen“.

Das tat sie dann auch. Frau R., offenbar eine Art Expertin für besondere Verhörmethoden, terrorisierte mich und machte mir gezielt Angst um meine Gesundheit. Dabei redete sie von Anfang an so mit mir, als hätte ich der OP bereits zugestimmt, eine hochmanipulative Taktik, um mir zu signalisieren, dass meine Weigerung keinerlei Bedeutung hätte. Ich würde schreckliche Infektionen bekommen, die zu Sterilität führen würden und könnte einen „Blutsturz“ erleiden. Ich müsse deshalb in der Klinik bleiben und dürfe nicht einmal selbst meine Sachen von zu Hause holen, ich müsse für diesen Fall unterschreiben, dass ich auf eigene Gefahr die Klinik verlasse. Ganz nebenbei ließ sie einfließen, dass man bei der Gewebeuntersuchung die Ursache der Fehlgeburt nicht finden werde, man mache das, weil man Krebs ausschließen müsse. Die Spuren des Wolfs sind unheimlicher als der Wolf selbst, Frau R. ging sehr raffiniert und extrem manipulativ vor. Sie verschwand, um die Oberärztin zu konsultieren und teilte mir anschließend mit, man müsste eigentlich die Ausschabung als „Notoperation“ sofort machen, aber da ich nicht nüchtern sei, werde sie auf den nächsten Morgen verschoben. Nachdem sie mich eine dreiviertel Stunde so traktiert hatte, war ich voller Angst um meine Gesundheit und stimmte voller Grauen der OP zu.

Jetzt passierte das, was Patienten zwangsläufig passiert: Sie müssten Beweise sichern in einem Moment, in dem sie noch nicht ahnen, dass das ein Haftungsfall werden wird. Ihnen gegenüber sitzt ein Arzt, der juristisch gecoacht wird, was bereits in der Anamnese eine entscheidende Rolle spielen kann, denn schon die Behandlungsunterlagen werden „frisiert“. Später werde ich feststellen, dass Frau R. meine entschiedene Weigerung, mich operieren zu lassen, in den Behandlungsunterlagen mit keinem Wort erwähnt hat. Auch erst viel später werde ich den Unterlagen entnehmen, dass Frau R. die Blutung, die angeblich die OP rechtfertigt, maßlos übertrieben darstellt.

 

Innerhalb von fünf Minuten führte sie mit mir ein „Aufklärungsgespräch“. Das sah so aus, dass sie sich vor mir aufpflanzte, ich saß, sie stand und fuchtelte vor meinem Gesicht mit dem Aufklärungsbogen herum, den ich im Gerichtsprozess das erste Mal selbst in die Hand bekommen würde. Da erst hatte ich die Möglichkeit, den Aufdruck zu lesen, dass ich mir diesen Bogen vor dem Aufklärungsgespräch in Ruhe hätte durchlesen sollen. Frau R. schwallte mich mit einem Affenzahn zu, schmierte auf dem Bogen herum und schrieb an der Stelle, an der die freie Dokumentation des Aufklärungsgesprächs vorgesehen ist, lapidar: „Patientin über alle Risiken aufgeklärt“. Ich wollte die OP nicht, empfand Grauen und starken Ekel, sah aber keine andere Möglichkeit, als zu unterschreiben. Das ist der Tatsache geschuldet, dass ich mir zu diesem Zeitpunkt, ganz anders als heute, nicht vorstellen konnte, dass mir eine Ärztin ohne mit der Wimper zu zucken ins Gesicht lügt.

Ich verbringe eine Horrornacht ohne Schlaf und allein, weil man meinen Mann weggeekelt hat. Am nächsten Morgen, einem Sonntag, bevor die OP stattfinden soll, kommt Frau R. nochmals, um mich zu untersuchen. Sie erklärt auf mein neuerliches Nachfragen verärgert, dass es ausgeschlossen sei, dass die Gewebereste von allein abgestoßen werden. Das ist eine weitere Lüge, was diese Ärztin aber nicht hindert, mich stinkwütend im Nachthemd mitten auf dem Gang stehen zu lassen. Sie fühlt sich in ihrer vermeintlichen Autorität nicht anerkannt und stampft grußlos davon. Ich irre herum, bis ich eine Krankenschwester finde, die mir den Weg zu meinem Zimmer zeigt. Man wird kaum davon sprechen können, dass eine solche Reaktion einer Ärztin auf eine Patientin, die auf eine eigene Entscheidung besteht, als normal bezeichnet werden kann. Wir haben es im Fall von Frau R. mit einem in der Ärzteschaft weit verbreiteten, ins Pathologische spielenden Narzissmus zu tun und eine Narzisstin im weißen Kittel wird sich niemals daran hindern lassen, ihre eigenen Bedürfnisse und ihre Größenfantasien zu befriedigen, wenn es, wie in Deutschland, keinerlei Kontrolle ärztlichen Handelns gibt.

Als ich schließlich im OP lande, denke ich, dass ich das nicht will, was hier passiert. Ich kann nur sagen, dass das ein kruder, unerhörter und gewalttätiger Übergriff dieser Ärzte war. Kein Einzelfall im Klinikum Marienlob*, aber auch nicht in der deutschen Gynäkologie und Geburtshilfe, wie sich später herausstellen sollte.

Irgendwann kommt ein Typ hereingeschneit, fängt an zu reden, bis ich darauf komme, dass das der Assistenzarzt ist, den sie drübergelassen haben. Er hat es nicht für nötig gehalten, sich vor der OP vorzustellen und auch nicht beim Betreten des Zimmers. Er macht ein Gesicht wie ein Kater, der eine zerlegte Maus auf dem Perserteppich deponiert und mächtig stolz ist, was er da Tolles geleistet hat. Es nützt ihm ja auch, denn er kann einen weiteren Eingriff ins Heftchen notieren und ist seinem Facharzttitel wieder ein Stück näher gekommen, mit Hilfe einer überflüssigen Operation und einer Einwilligung, die durch nötigendes und manipulatives Verhalten zweier Ärztinnen erlangt wurde.

Wieder zu Hause, fange ich an, „Ausschabung“ und „Kürettage“ zu googeln. Wie soll man das beschreiben: Ich hatte das Gefühl, man hätte mir gesagt, spring hier aus dem Fenster, es ist das Erdgeschoss und kurz nach dem Absprung merke ich, es war der 20. Stock. Frau R. hat hinsichtlich der Notwendigkeit der Ausschabung sowie hinsichtlich deren angeblichen Harmlosigkeit fulminante Lügen aufgetischt.

 

 

 

Juristische Aufarbeitung: Ein Fall für die bayerische Skandaljustiz

 

Zitat aus einem juristischen Fachaufsatz zum Abrechnungsbetrug („upcoding“) durch Ärzte:

 

„Daneben kann ein ungerechtfertigter Behandlungseingriff vorliegen, der als Körperverletzung strafbar ist, soweit die Maßnahme Nebenwirkungen und Belastungen beinhaltet und die Einwilligung des Patienten hierzu aufgrund defizitärer Aufklärung nicht vorlag oder durch eine Täuschung über die Erforderlichkeit der Maßnahme erschlichen wurde.“

 

Christiane Woopen, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, formuliert:

 

"An der Schärfe dieses Befundes dürfen wir nicht vorbeischauen", sagte nun Christiane Woopen, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates. Als geradezu skandalös bezeichnete es die Medizinerin, wenn Ärzte einen verzichtbaren, aber mit Risiken verbundenen Eingriff mit Blick auf dessen Erlös vornehmen.“

 

Das ficht aber die zuständigen Gerichte und Staatsanwaltschaften nicht an.

Durch meine Klage und meine Strafanzeige hat sich wieder einmal gezeigt: Kriminelle Ärzte, die ohne jegliche Heilabsicht agieren, werden durch die bayerische Justiz geschützt. Labeling approach“ nennt man in der Kriminologie das Phänomen, dass Täter mit hohem Sozialprestige straflos bleiben.

Das für Medizin zuständige Münchner Oberlandesgericht hat - offenbar handelt es sich um eine liebgewonnene bayerische Tradition – alles dafür getan, was geeignet ist, die Institution weiter zu beschädigen. Die mündliche Verhandlung war eine Schmierenkomödie mit vom Gericht fest zugeteilten Rollen, das Ergebnis stand von vornherein fest und die Richter haben tüchtig nachgeholfen, dass das für das Klinikum Marienlob* günstige Ergebnis herauskommt. Das Gericht hat Tatsachen ignoriert und sich geweigert, das skandalöse Verhalten der Ärzte dieser Klinik aufzuklären. Es ergeben sich einige Parallelen vor allem zum Fall Mollath, aber auch zum Fall Schottdorf. Darüber hinaus kommt ans Licht, dass Ärzte die Straflosigkeit solcher den Patienten gefährdender Körperverletzungen regelrecht organisieren.

 

 

Ein Schuldeingeständnis und eine Riesenblamage für das Klinikum Marienlob*

 

Nicht lange nach Einreichen meiner Klage legt die Klinik ungewollt ein eindrucksvolles Schuldeingeständnis ab.

Zunächst fühlten sich die Verantwortlichen dieser Klinik sicher. Womit sie offenbar nicht gerechnet hatten war, dass ihre Gegner selbst gründlich die wissenschaftliche Literatur durchforsten und auch fündig werden würden. Kurz nachdem die Klinik den Schriftsatz mit den erdrückenden Beweisen eigenen Fehlverhaltens erhalten hatte, tauchte auf einer Bewertungsseite ein  Bericht einer angeblichen Patientin auf. In der übertrieben euphorischen Art, die Fälschungen typischerweise auszeichnen, beschreibt „leamaus“, wie toll und verständnisvoll man doch im Marienlob* im Fall einer Fehlgeburt behandelt werden würde. Keine der möglichen Behandlungsmethoden sei ihr aufgezwungen worden. Ach!

Anscheinend noch nicht entlarvend genug. Darauf angesprochen blafft der Anwalt der Klinik, man würde nunmehr „nur aus forensischen Gründen“ auch über die Alternativen zur Ausschabung aufklären, würde den Betroffenen jedoch weiterhin die Operation nahelegen.

Soviel Verkommenheit ist mir persönlich bis dato noch nicht begegnet. Nicht das einzige Mal, dass die Doppelzüngigkeit, mit der das Klinikum Marienlob* sich in der Öffentlichkeit in ein positives Licht rückt und hinter den Kulissen dann genau das Gegenteil macht.

 

 

Fragwürdiges Vorgehen der Gerichte im Umgang mit dem Skandal

 

Seit es Internetforen gibt, kann man den dortigen Äußerungen von Patienten entnehmen, dass Ärzte auf das Gröbste gegen ihre Aufklärungspflichten verstoßen. So verwunderlich ist es also nicht, dass ein führender Mediziner jüngst das Offensichtliche zugegeben hat: Patienten werden von Ärzten manipuliert und eingeschüchtert, um an die Einwilligungen für Operationen mit zweifelhaftem Nutzen zu kommen. Wie das Eingangszitat belegt, handelt es sich dabei um zahllose Körperverletzungen, die Ärzte „im Land der fragwürdigen Operationen“ tagtäglich begehen.

Die Richter aber verschließen die Augen davor und so wie es aussieht, haben sie auch gegen höchstgerichtliche Vorgaben verstoßen.

In der ersten Instanz werden Beweisangebote meines Anwalts einfach übergangen. Die Richter ignorieren, dass die Verantwortlichen des Klinikums sich in eine ganze Reihe von Widersprüchen verwickeln. Das Gleiche gilt für den Gutachter, dessen höchst dubiose Vorgehensweise eine eigene Betrachtung verdient. Obwohl die Befragung des Sachverständigen in der mündlichen Verhandlung erhebliche Zweifel sowohl an dessen Kompetenz als auch an der Richtigkeit seiner Aussagen weckt, wird dieses Faktum nicht nur ignoriert, das Endurteil fällt komplett hinter die Ergebnisse der Befragung zurück. Die Richter, denen eigentlich höchstrichterlich aufgegeben ist, sich kritisch zum Gutachter zu verhalten, schreiben aus dem allerersten Gutachten sämtliche längst widerlegten Äußerungen einfach ab. Sie drücken sich um kritische Fragen und es ist ihnen sichtlich unangenehm, dem Gutachter, mit dem sie eine offensichtliche und nahezu freundschaftliche Vertrautheit verbindet, auf die Füße zu treten. Der Patient wird dabei regelmäßig in die Rolle des Störenfrieds gedrängt.

Diese Richter werden nicht ernsthaft glauben, dass ein solches Verfahren fair genannt werden kann.

 

 

Berüchtigt

 

Alles in den Schatten stellt allerdings der für Medizin zuständige Senat des Münchener Oberlandesgerichts.

Schon als diese Richter über den Befangenheitsantrag entscheiden, kritisieren sie allen Ernstes meine mangelnde Unterwürfigkeit. Besonders missfällt ihnen der Satz: „Der Patient ist nicht Objekt ärztlicher Vernunfthoheit“. Das aber ist schon höchst entlarvend, denn es handelt sich um ein unmarkiertes Zitat bzw. dessen Paraphrase. Die Richter des Oberlandesgerichts München, das Fachgericht für Medizin, kennen nicht die Schlüsselentscheidung, die Entscheidung des Reichsgerichts, die das Recht auf Selbstbestimmung des Patienten zementiert hat:

 

„Dass jemand nach eigener Überzeugung oder nach dem Urteile seiner Berufsgenossen die Fähigkeit besitzt, das wahre Interesse des Nächsten besser zu verstehen, als dieser selbst, dessen körperliches oder geistiges Wohl durch geschickt und intelligent angewendete Mittel vernünftiger fördern zu können, als dieser es vermag, gewährt jenem nicht irgend eine rechtliche Befugnis, nunmehr nach eigenem Ermessen in die Rechtssphäre des Anderen einzugreifen, diesem Gewalt anzutun und dessen Körper willkürlich zum Gegenstand gutgemeinter Heilversuche zu benutzen … Strafrechtlich hat der Angeklagte normwidrig gehandelt und ein nach §§ 223 StGB zu ahndendes Delikt verübt.“

 

Dieses Zitat müsste eigentlich bei diesen Richtern an der Wand hängen.

Wie in Bayern offenbar üblich, wurden unsere Schriftsätze nicht gelesen, diese Richter wussten also überhaupt nicht, worüber sie da entscheiden. Die mündliche Verhandlung vor dem Oberlandesgericht war nichts weiter als ein Bluff. Tatsächlich musste der Sachverständige nochmals Auskunft geben, da das Ersturteil in krassem Widerspruch zu seinen protokollierten Aussagen steht. Seine „Befragung“ sah dann so aus, dass er nochmals gefühlte drei Stunden aus seinem Erstgutachten vorlesen durfte. Gnädig wurden mir dann Fragen bewilligt, um mir gleich wieder das Wort abzuschneiden, da die Zeit nun leider um sei. Einer der Richter blafft mich an (gehört in Bayern wohl zum guten Ton), was mir einfiele, wörtlich „irgendwelche ausländischen (!) Studien“ vorzulegen. Ich musste es mir verkneifen, ihn zu fragen, ob er denn im Fall einer Krebserkrankung darauf bestehen würde, ausschließlich nach in Deutschland gewonnenen Erkenntnissen behandelt zu werden. Wohl nicht ganz unabsichtlich werden von den Richtern auch „ausländische“ Standards und im Ausland gewonnene wissenschaftliche Erkenntnisse gleichgesetzt.

 

 

Erbärmlich

 

Im Endurteil werde ich von diesen Richtern dann noch schnell vom Opfer zur Täterin erklärt, sie müssen sich also nach dem Verrat an all den Patienten, die sie jetzt diesen kriminellen Ärzten ausliefern auch noch auf meine Kosten ein gutes Gewissen verschaffen.

Für mich besteht keinerlei Zweifel, dass, mehr oder weniger uneingestanden, diese Richter natürlich ganz genau wissen, dass sie sich vom Gutachter haben anlügen lassen. Sie wissen genau, die Aussagen des Gutachters widersprechen dem wissenschaftlichen Beweis. Dieses Urteil ignoriert in eklatanter Weise das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung des Patienten.

Die Qualität des Urteils leidet zudem an der Willfährigkeit gegenüber den Mächtigen sowie an gravierenden Wissenslücken dieser Richter. Sie meinen, mein Auftreten vor Gericht hätte doch gezeigt, dass ich niemand sei, der sich eine Meinung aufzwingen lässt, hielten also meinen Vorwurf der Nötigung für „nicht glaubwürdig“. Soll man ihnen das tatsächlich abkaufen, dass sie nicht merken, dass sie hier die Kategorien vertauschen? Natürlich haben auch selbstbewusste Patientinnen Angst um ihre Gesundheit, vor allem wenn durch Ärzte mit erheblicher krimineller Energie nachgeholfen wird.

Wer über medizinrechtliche Fälle urteilt, muss sich mit medizinkritischer Literatur auseinandergesetzt haben. Er muss grundlegende Erkenntnisse der Soziologie der Medizin aufgenommen haben, z.B. das Krankenhaus als „Totale Institution“ sowie die Problematik der Definitions-, Steuerungs- und Verteilungsmacht, die Ärzte innehaben. Nicht wahr sein kann, dass diese Richter nicht wissen, was die Kriterien für die Beurteilung der Qualität von Studien sind und dass sie nicht wissen, was die Cochrane Collaboration ist und welche Problematik zu ihrer Gründung geführt hat. Zur Bedeutung der Rollendynamik wäre es zudem nicht schlecht, wenn man mit dem Namen Zimbardo etwas anfangen könnte. Das würde natürlich voraussetzen, dass man sich für Menschen und für Gerechtigkeitsfragen interessiert.

Das alles mündet in der Frage: Wozu leistet sich der Staat eigentlich Fachgerichte, wenn diese Richter dann keinen blassen Schimmer haben?

 

Aber selbst wenn sie das alles nicht wissen, könnten sie doch wenigstens regelmäßig die einschlägige für sie zuständige Fachzeitschrift „Medizinrecht“ lesen. Denn dort hätten sie bereits im September 2012 in einem Aufsatz des Philosophen und Medizinethikers Dieter Birnbacher folgenden Text über die Vulnerabilität von Patienten finden können:

 

„Eine Form des Missbrauchs ist etwa die einseitige Beratung: Der Arzt oder Therapeut berät den Patienten einseitig zugunsten der von  ihm selbst oder seiner Institution angebotenen Therapien, z.B. indem er das Beratungsgespräch gezielt als „Verkaufsgespräch“ gestaltet, das den Patienten dazu motivieren soll, sich für die vom Arzt angebotenen Therapiespezialitäten statt für konkurrierende Angebote zu entscheiden. Oder er übertreibt die Risiken eines Verzichts auf die angebotene oder überhaupt auf eine Behandlung, so dass der Patient unter Druck gerät und im Fall eines Verzichts an seiner Vernünftigkeit und Fähigkeit zur Selbstsorge zweifelt.“  

 

Die leugnende Haltung dieser Richter wird nur wenige Wochen nach dem mündlichen Verfahren konterkariert. In ganz München wird gut sichtbar plakatiert, dass ein führender Arzt manipulative Praktiken seiner Kollegen anprangert. Inzwischen bemängeln auch führende Gesundheitswissenschaftler auf SPIEGEL ONLINE, dass Patienten miserabel aufgeklärt werden. Nichts, was man eigentlich nicht schon längst wüsste.

Am Ende hat das Gericht den Sachverhalt zurechtgebogen, wie man das von einer Gerichtsbarkeit in Ländern wie z.B. Kolumbien erwarten würde, aber nicht von einem westlichen Land. Mein Fall ist nur einer von vielen aus einer Rechtsprechung, die  Patienten inzwischen immer massiver gegenüber Ärzten benachteiligt. Alles vollzieht sich unbemerkt von der Öffentlichkeit. So ist ein rechtsfreier Raum entstanden, der Ärzte zu Übergriffen auf Patienten geradezu ermutigt.

 

 

 

 

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Nachweise und Links werden in Kürze nachgetragen