Gewalt in Gynäkologie und Geburtshilfe

 

„Ich erinnere eine Anzahl von alptraumartigen Geburten, deren Bilder nie aus meinem Kopf verschwinden werden. Wo ich innerlich bleich wurde, mitzuerleben, dass Frauen so etwas angetan wurde – und mein Unvermögen zu erleben, der Frau in dieser Situation nicht angemessen beistehen zu können.“[1]

 

Nirgends ist man einem Arzt oder auch anderem medizinischem Personal so hilflos ausgeliefert, wie in einem Kreißsaal. Bei der Geburt hat ein Arzt das größtmögliche Druckmittel in der Hand: „Wenn Sie das jetzt nicht dulden, schaden Sie Ihrem Kind“. Dass die Maßnahmen, die gegen Frauen auf solche Art und Weise durchgesetzt werden, keineswegs immer indiziert sind, beleuchtet unter anderem eine Artikelserie aus dem Jahr 2006, die die Deutsche Hebammenzeitschrift dem Thema „Gewalt in der Geburtshilfe“ widmete.

 

Geburtshilfe

 

Schon der Begriff ist ja falsch und eine Anmaßung. Ärzte sprechen ja ständig davon, man müsse eine Frau zur richtigen Geburt „anleiten“. Das ist das gängige und beschämenderweise auch von jungen Ärzten nicht hinterfragte Bild der medizinisch definierten Geburt. Dieser Sachverhalt dient wieder dem eitlen Selbstbild des Arztes, der sich für unentbehrlich hält. An dieser Stelle setzen üblicherweise immer die empörten Kommentare ein im Stil des „Mein Kind wäre gestorben, wenn nicht…“.

Dazu ist zweierlei zu sagen.  Die Komplikationen, die bei einer Geburt auftreten können, liegen nicht darin begründet, dass die Geburt an sich gefährlich wäre, wie es Ärzte zum Zweck der Selbstaufwertung ständig behaupten. Komplikationen sind entweder auf Krankheiten zurückzuführen, die eine Geburt gefährlich machen oder diese Komplikationen werden von den Ärzten selbst verursacht. Letzteres steht im Zusammenhang mit der „Interventionskaskade“. Dass Ärzte, die das Vertrauen in den eigenen Körper der Gebärenden untergraben, das Problem sind, ist solide mit verschiedensten Studien nachgewiesen, hierzu ist noch ein ausführlicher Artikel geplant. Wenn Ärzte (und manchmal auch Hebammen) sich des Geburtsvorgangs bemächtigen und dadurch Komplikationen auslösen, fängt die Gewalt damit schon an.

 

Spuren der Gewalt

 

Man stößt auf ungeheuerliche Geschichten, obwohl das Thema tabuisiert ist und die meisten Frauen zu ihrem Leid schweigen, aus verschiedenen Gründen, vor allem aber, weil sie alle Hände voll zu tun haben, ihrer Aufgabe als Mutter unter sehr schweren Bedingungen gerecht zu werden. Die Hebamme Tara Franke hat sich des Themas der Gewalt in der Geburtshilfe besonders angenommen.

Unter Übergriffen des geburtshilflichen Personals hat man sich neben den bereits an anderer Stelle zitierten Schlägen vorzustellen:

Druck auszuüben, Nötigung, Zwang, Machtmissbrauch, Willkür, Erpressung, Anschreien, Beschimpfen, Festschnallen der Beine, Festhalten, sexualisierte Gewalt in Form von Sprache oder Witzen. Nicht genannt werden bei Franke geburtshilfliche Maßnahmen ohne Indikation wie unnötige Dammschnitte zum Beispiel. Nicht indizierte Eingriffe sind auch dann Gewalt, wenn sie von der Frau nicht als solche empfunden werden, weil man ihr fälschlicherweise gesagt hat, sie wären nötig.

 

Die Presswehen gingen weiter, mit angenehm langen Pausen. Die Hebamme und die Ärztin meinten aber, dass die Pausen nicht gut seien und wollten mir ein Wehen förderndes Nasenspray geben. Ich wollte es aber nicht. Die Ärztin wurde ärgerlich. Sie gab es meinem Mann und sagte, er solle es mir einfach geben. Er saß an meinem Kopf nahm das Spray und steckte es einfach in seine Hosentasche. Die Hebamme äußerte, dass ich dem Kind schaden würde bei so unregelmäßigen Wehen und wenn ich das Nasenspray nicht nehmen würde. Ich weigerte mich noch zweimal, hielt dann aber dem Druck der beiden Fachpersonen nicht mehr stand und nahm das Spray. Die Ärztin sagte nämlich, wenn sie das Spray jetzt nicht nehmen, dann muss ich es ihnen halt einfach geben. Das Kind kam bei der nächsten Wehe.“

 

Man stößt auf Äußerungen von Müttern, man würde wie „Schlachtvieh“ behandelt. Extrem bedenklich sind auch alle vermeintlich „normalen“ Handlungen, die die Gebärende zum Objekt degradieren und deshalb als Verletzung der Menschenwürde anzusehen sind, zum Beispiel das Offenstehenlassen einer Tür, so dass jeder der Frau zwischen die Beine starren kann.

 

Ein Spezialfall gewalttätiger Geburtshilfe ist das Kristellern:

 

„Ich wusste noch gar nicht, dass das einen Namen hat.
Ich weiß nicht mehr wie genau es passiert ist, auf jeden Fall haben sie es zu zweit mit Unterarmen und Ellenbogen bei mir gemacht und ich erinnere mich nur noch an irre Schmerzen und die totale Demütigung. Ich war leider nach extrem vielen Stunden Dauerwehen ohne Pause total fertig und konnte mich nicht mehr dagegen wehren und habe immer noch ein leichtes Trauma.
Sie drohten mir damals mit Kaiserschnitt und sprangen wie die Tiere auf mir rum.
Oh man, es kommt grade alles wieder hoch...krass. Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass das Kind einen totalen schiefen Kopf hinterher hatte. Als wäre das Ohr an der Schulter angewachsen.“

 

Das Kristellern gehört schon lange verboten, gefährlich und ohne jeden Nutzen. Es wird aber weiterhin in deutschen Kliniken gemacht. Gegenwehr gegen gewalttätige Geburtshilfe ist das Einzige, das Abhilfe schaffen kann. Frauen müssen sich außerhalb der Situation im Kreißsaal zusammentun und dagegen stark machen.

 

„Auch ich hatte beim ersten Kind Unterarm und Ellenbogen und ich habe das danach bis heute (7 Jahre ) nicht vergessen... Ich war so schlecht vorbereitet und habe mich einfach nicht gewehrt, wurde so blöd auf den Rücken gelegt, zehn Leute drumherum, auch schon der Anästhesist fürn Kaiserschnitt, weil: "scheinbar wird das ja hier so nix". Und dann meinte die Hebamme "jetzt holen wir mal den XY aus der sonundso, das ist so ein Riese, der kann kräftig drücken da kommt jedes Kind freiwillig raus"
Und der kam dann auch, in meiner Erinnerung so groß das er sich bücken musste an der Tür, ich hatte solche Angst, hat sich angefühlt als würden mir Rippen oder Kreuz gebrochen. Irgendwer anderes der immer rief die Herztöne würden schlechter und dann weiß ich nix mehr... Konnte ne ganze Weile nicht schlafen nach der Geburt, weil ich immer diese Szene im Kopf hatte und träume heute noch manchmal davon. Finde auch das gehört verboten aber in diesem KH haben sie ja auch Sachen mit uns gemacht die bereits verboten SIND, ist also die Frage ob es irgendetwas gibt was Menschen mit dieser Einstellung ändern kann?“

 

Leute mit dieser Einstellung kann man nur ändern, wenn die Frau sich rechtlich effektiv gegen diese Gewalt wehren kann, was im Moment nicht an der Rechtsstellung, aber an der Ignoranz der Gerichte scheitert.

Mit anderen Worten bedeutet gewaltfreie Geburtshilfe: Die Frau muss mit Zurückhaltung behandelt werden und immer in die Entscheidungen eingebunden werden. Ist das in bestimmten Geburtsphasen oder wegen Dringlichkeit nicht möglich, muss entweder ein Geburtsplan vor der Geburt erstellt werden oder die Notmaßnahme muss mit der Frau im Nachhinein besprochen werden.

 

 

Folgen der gewalttätigen Geburtshilfe

 

Das Schlimmste ist vermutlich die Auswirkung auf das Bonding und das Verhältnis zum Kind. Frauen entwickeln nach gewalttätigen Geburten zeitweise regelrecht Hassgefühle gegen ihr Kind, sogar mit Anschreien und Vernachlässigung, auch wenn sie das gar nicht wollen. Das hängt auch mit der schlechten psychischen Verfassung dieser malträtierten Mütter zusammen. Besonders fatal ist gewalttätige Geburtshilfe, wenn es zu Retraumatisierung sexuell missbrauchter Frauen kommt.  So mancher Baby-Blues ist vermutlich auf übergriffige Geburtshilfe zurückzuführen.

 

„Die Frau wirkt wie erstarrt: zum Eigenschutz zieht sich die Seele zurück, versteckt sich im Innern – und behindert damit eventuell auch den Liebesfluss zum Kind. Und manchmal behindert das, wie wir alle wissen, den Milchfluss und die Milchbildung. Das Adrenalin, das in einer für eine Traumatisierung typischen Übererregung anhaltend ausgeschüttet wird, kann tatsächlich die Bildung von Prolaktin und Oxytocin bremsen.“

 

Auch ein guter Geburtsverlauf hängt ja vom Oxytocin ab, demnach kann schon ein übergriffiges Wort Geburtskomplikationen auslösen.

Körperlich können Frauen lange unter Geburtsverletzungen leiden, Inkontinenz und Schmerzen, die auch die Partnerschaft aus dem Gleichgewicht bringen in einem Moment, wo eine große Aufgabe bewältigt werden muss, das Eltern-Sein oder neu Werden. Angstzustände, Alpträume, Versagensgefühle und posttraumatischer Stress, der das Verhältnis zum Kind gefährdet. Viele Frauen wollen nach so einer Erfahrung nur noch eine Hausgeburt oder Wunschsectio akzeptieren oder gar mit dem Kinderwunsch abschließen.

Bei Kindern fällt die Gewalterfahrung durch Schreckhaftigkeit, unstillbares Weinen, Koliken, Gedeihstörungen und auch eine Reihe von körperlichen Symptomen auf, wie Schiefhals oder KISS, auch schwerwiegende Beeinträchtigungen wie ZNS-Schäden durch Saugglocke oder Kristellern sind nicht auszuschließen.

Bei geistig abnormen Rechtsbrechern wird häufig eine gestörte Mutter-Kind-Beziehung beschrieben, die mit „schwerer“ Geburt zusammenhängt. Man kann die Dimension der Gefährdung also gar nicht hoch genug einschätzen.

 

 

Blaming-the-victim-solution

 

So sehr verdienstvoll es ist, dass die Deutsche Hebammenzeitung sich des Themas angenommen hat, den letzten Schritt hat man nicht getan, die eigene Haltung zu Ende zu reflektieren. Immer wieder wird betont, dass diese Gewalt gegen die Frauen ja nicht absichtlich erfolgt, es sich vielmehr um eine „subjektive Gewalterfahrung“ der betroffenen Frauen handelt. Dem kann nicht gefolgt werden.

Hier handelt es sich um eine Spielart der Mechanismen der Opferbeschuldigung, wie man sie regelmäßig im Zusammenhang mit traumatisierten Opfern findet. Laut Riedesser/Fischer handelt es sich um einen sozialpsychologischen Abwehrprozess in Zusammenhang mit einem Phänomen, das sie therapeutischen Egozentrismus nennen. Die Opfer werden im weitesten Sinn als mitschuldig bezeichnet, verschiedene komplexe kognitive, emotionale und sozialpsychologische Momente spielen eine Rolle.

Eine Variante ist der Täuschungseffekt der Retrospektive, ein anderer die Neigung zur Neutralitätslösung. So hört man häufig Bemerkungen wie „Hätte sie sich doch denken können, dass…“ oder Sprüche wie „Beide sind irgendwie schuld“. Solche Abwehrhaltungen sind völlig inakzeptabel, legitimieren die Gewalt und man sollte sehr genau auf solche Mechanismen achten, mit denen wirklich niemandem gedient ist, außer den Tätern.

 

 

Die Haltung der Ärzte zur Gewalt

 

Da kann man es kurz machen: Sie haben keine, denn natürlich existiert im hermetischen Selbst-und Weltbild deutscher Ärzte keine gewalttätige Handlung an Patientinnen. Sehr schön zeigt sich das an einem Artikel in einer gynäkologischen Fachzeitschrift, wo das Thema „Gewalt in der Geburtshilfe“ zum Thema „Schwere Geburt“ umgedeutet wird.

Hier fällt die Abwehrhandlung dann schon mit Nennung des Themas zusammen. Die typische Lösung der Ärzte: Die Patientin soll doch eine Therapie machen. Kein Wort davon, dass Ärzte ständig neue Traumatisierte produzieren. Die kann man dann bequem in die Therapie entsorgen. Mitunter wird sogar noch eine dreiste Beleidigung daraus, wenn die Geschädigte auf der Verantwortung der Ärzte beharrt, indem man andeutet, die Patientin sei wohl irgendwie plemplem.

 

Fazit: Man muss die Gewalt in der Geburtshilfe öffentlich machen und intensiv diskutieren, damit sie aufhört. Der englische Frauenärzteverband, der immer wieder durch gewisse frauenfreundliche Haltungen und Initiativen aufhorchen lässt, macht es vor. Da wird sich offiziell mit dem Thema „Gewalt in der Geburtshilfe“ auseinandergesetzt.

 

Zum Thema weiterlesen: Grausame Geburt -> http://www.unsinkbar.org/in-der-katholischen-klinik/geburt-im-klinikum-marienlob.html

 Zum "Kristellern": -> http://www.unsinkbar.org/in-der-katholischen-klinik/kristellern-wissenschaftlich-gesehen.html

 

<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<

[1]  Katja Baumgarten, Hebamme, Editorial in der Ausgabe der DHZ mit der Artikelserie über Gewalt in der Geburtshilfe

Weitere Nachweise und Links werden in Kürze ergänzt