Querschnittgelähmt

 

Mangelhafte Aufklärung über Risiken bei CT-gesteuerter periradikulärer Lumbalinfiltration (PRT)

 

Ein sehr lehrreicher Fall für Patienten, die nach der Lektüre eine Ahnung davon bekommen, wie angeschmiert sie sind.

 

Der Sachverhalt

 

Das Verhängnis beginnt mit Bandscheibenproblemen eines 50-jährigen Bankkaufmanns und Filialleiters. Jahrelang wurde er – wie auch immer – konservativ behandelt, ohne Erfolg. Er entscheidet sich schließlich für eine periradikuläre Lumbalinfiltration (PRT) unter (CT) Röntgenkontrolle.

Kurz vor dem Eingriff legt man ihm einen Aufklärungsbogen vor und klärt ihn dementsprechend über die Risiken des Eingriffs auf. Glaubt er. Er unterschreibt und los geht’s.

Unmittelbar nach der Injektion tritt bei dem Patienten ein inkomplettes Querschnittssyndrom mit hochgradiger Caudalähmung, Paraplegie der Beine und Verlust der Blasen- und Mastdarmfunktion auf. Er ist nur für wenige Schritte am Rollator gehfähig und auf den Rollstuhl angewiesen; er muss sich wegen eines Harnverhaltens ka­theterisieren und hat einen doppelläufigen künstlichen Darmausgang. Aufgrund der schwerwiegenden Behinderung ist der Geschädigte in die Pflegestufe I eingestuft, das wird auch zeitlebens so bleiben. Er leidet insoweit auch unter Schmerzen. Inzwischen ist von einer Dauerschädigung auszugehen.

Der Geschädigte hat zwei Jahre Arbeitsunfähigkeit hinter sich und muss sich künftig auch immer wieder auch stationären Behandlungen mit operativen Eingriffen unterziehen. Er musste in eine behindertengerechte Wohnung umziehen, hat seine Position als Filialleiter an einen jüngeren Kollegen verloren und kann auch nicht mehr voll arbeiten.

 

 

Juristische Aufarbeitung

 

Ein Behandlungsfehler (direkter Ärztepfusch) liegt nicht vor, die Ärztin hat beim Spritzen nichts falsch gemacht. Also haftet sie aus Verletzung der Aufklärungspflicht, wenn eine solche bejaht wird.

Fest steht: Über die Komplikation der Querschnittlähmung wurde nicht aufgeklärt. Im Aufklärungsbogen ist bei den Komplikationen nur aufgeführt:

„Möglichkeit von kurzfristig(em) Taubheitsge­fühl oder Schwäche im Bein sowie Veränderungen, die als Folge einer Infektion bei Punktion auftreten können.“

Die beklagte Ärztin behauptet, sie hätte von der Komplikation der Querschnittlähmung nichts wissen müssen. Dazu sagte der vom Gericht bestellte Gutachter:

 

„Der Sachverständige Dr. T. hat bei seiner Anhörung im Termin v. 3. 2. 2010 deutlich zum Ausdruck gebracht, dass das Risiko der Entstehung einer Querschnittsymptomatik bei Behandlungen der hier in Rede stehenden Art in fachärztlichen Kreisen nicht, jedenfalls nicht als spezi­fisches Risiko bekannt war. Dazu hat er ausgeführt, dass nach seiner Internetrecherche seit fünf oder zehn Jahren in der ver­öffentlichten Literatur zwar zunehmend über Fälle berichtet worden sei, in denen es nach Infiltrationen am Rücken zu einer nachfolgenden Querschnittsymptomatik gekommen sei. Allerdings habe in Facharztkreisen, auch an dem Univer­sitätsklinikum in F., an dem der Sachverständige tätig ist, ein entsprechendes Risikobewusstsein nicht bestanden, die Pro­blematik sei auch nicht Thema etwa auf Fachkongressen ge­wesen und bei der Erörterung dieses Falles im Kollegenkrei­se überrascht zur Kenntnis genommen worden.“

 

Das ist toll, oder? Das ist wie bei Janosch und dem kleinen Schweinchen: Nicht gesehen, nicht gefunden, ha!

Beide Instanzen urteilten allen Ernstes, dass die Ärztin dieses Risiko der Querschnittlähmung nicht kennen musste und deshalb darüber nicht aufklären musste.

Man mag es nicht glauben: Weil die ganze Bande pflegt, ein so schwerwiegendes Risiko zu „übersehen“, geht der Patient leer aus.

So urteilte jedenfalls die erste Instanz. In der Berufung bekommt der Patient dann doch noch Recht, nachdem er sich 7 Jahre lang durch die Instanzen geklagt hat, was extrem aufreibend ist, weshalb sehr viele geschädigte Patienten gar nicht erst klagen, was natürlich wieder äußerst praktisch ist für unsere Herrschaften im weißen Kittel.

 

 

Gerichtslotterie

 

Gewonnen hat er schließlich, weil ein Risiko der Querschnittlähmung bekannt war, das sich auf einem anderen Weg realisieren kann, nämlich durch Hämatome (Blutergüsse) oder Infektionen an der Einstichstelle. Diese Gefahr war bekannt und darüber musste, laut Berufungsinstanz aufgeklärt werden. Es hätte aber auch so ausgehen können, dass der Patient nicht einmal das bekommen und leer ausgegangen wäre.

Der Geschädigte bekommt also, nachdem er die zahlreichen Fallstricke überwunden hat,  200 000 Euro Schmerzensgeld und den Ersatz seiner Schäden. Nicht viel für eine verpfuschte Existenz. So verzweifelt sei seine Situation nicht gewesen, sagt der Geschädigte, dieses hohe Risiko wäre er nicht eingegangen.

Was auch sehr bitter sein dürfte: Bei dieser PRT-Behandlung ist der Nutzen zweifelhaft. Es ist das, was man so treffend High-Tech-Schamanismus nennt. Der Heilungseffekt beruht vermutlich weitgehend auf der Placebo-Wirkung, die noch nicht einmal von Dauer ist. Die Krankenkassen bezahlen diesen gefährlichen Unfug jetzt nur noch in Ausnahmefällen. Das hat einen großen Wirbel unter den Ärzten ausgelöst, denn diese Behandlungen sind natürlich lukrativ. Nun will man PRT als IGeL anbieten.

Ein Witz ist, dass das Berufungsgericht davon spricht, die Ärztin hätte „vergessen“,  über die bekannte Variante des Risikos der Querschnittlähmung aufzuklären. Klar, so wie es natürlich häufig vorkommt, dass man nach Hause kommt und merkt, man hat sein Kind im Einkaufszentrum vergessen oder man hat vergessen, dass man verheiratet ist… glauben diese Richter das im Ernst? Natürlich werden Risiken bewusst unterschlagen, da man Patienten ja dann nicht dazu bekommen würde, sich für so eine windige Behandlung solchen Risiken auszusetzen.

 

Die Ärztin persönlich übrigens, wird nichts von der Haftung merken, die Versicherung zahlt und sie kann sich neue Tricks ausdenken, die Risiken kleinzureden.

 

<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<

 

Quelle:  Zeitschrift Medizinrecht,  MedR (2012) 30: 121–125, Aufklärung über Risiken bei CT-gesteuerter periradikulärer Lumbalinfiltration