Arzt und Gewalt

 

Sind Ärzte böse?

 

„Der Mensch aber wird nicht, was er ist; er ist immer schon komplett gewesen. Gewalt ist eine menschliche Möglichkeit; sie war es jederzeit und überall. Sie ist eine Handlungsressource, die nicht nur für jeden zugänglich ist, sondern auch von jedem genutzt werden kann.“

 

Das kratzt an einem absoluten Tabuthema: Unsere heiligen Ärzte, die doch ständig Leben retten. Schock-und Abwehrstarre sind vermutlich weit verbreitet, wenn es um ärztliche Gewalt an Patienten geht. Dennoch gibt es sie und sie ist alltäglich, gerade weil sie verdrängt und verschwiegen wird.

 

„In den drei Jahren meiner Ausbildung gab es immerhin zwei Fälle, in denen zwei verschiedene Ärzte Gebärende ins Gesicht beziehungsweise auf den Bauch schlugen. Dies zog keinerlei Konsequenzen für die Täter nach sich, die es in der Folgezeit beide bis zum Oberarzt schafften.“

 

Das Zitat stammt von einer Hebamme und beschreibt Gewalt, die jeder als solche auch erkennt. Zur Gewalt, die Ärzte gegen Patienten üben, gehören auch verbale Übergriffe, verschiedene Formen der Herabwürdigung und psychische Gewalt, häufig in Form von Manipulationen. Ganz speziell bei Ärzten sieht man auch Gewalt in Form von verweigerter Kommunikation. Darüber hinaus ist es bei Ärzten eine beliebte Strategie bei Konflikten, auch und gerade bei aus Patientensicht völlig berechtigter Gegenwehr, Patienten zu psychiatrisieren.

 

 

Sind Ärzte böse?

 

Das Alltagsverständnis geht nach wie vor von der Vorstellung aus, dass ein Mensch, der Gewalt anwendet, böse ist, und weil Ärzte ja „die Guten“ sind, können sie ja unmöglich die Bösen sein, denn sie wollen ja nur unser Bestes und deshalb gibt es ärztliche Gewalt gar nicht. Naivität, die mythische Überhöhung des Arztberufs und Schutz durch die gesellschaftliche Machtposition führen dazu, dass ärztliche Gewalt ungeahndet bleibt.

Das Böse ist banal, dieser berühmte Satz von Hannah Arendt passt auch sehr gut auf ärztliche Gewalt. Er bildet auch die zentrale Erkenntnis ab, zu der die moderne Gewaltforschung gelangt ist, so wie es auch im Eingangszitat zum Ausdruck kommt. Gewalt ist kein Betriebsunfall, sondern sie ist allgegenwärtig. Arendt formulierte weiter:

 

„Dass eine solche Realitätsferne und Gedankenlosigkeit in einem mehr Unheil anrichten können als alle die dem Menschen innewohnenden bösen Triebe zusammengenommen, das war in der Tat die Lektion, die man in Jerusalem lernen konnte.“

 

Mit „Jerusalem“ meint sie den Eichmann-Prozess, in welchem Zusammenhang der berühmte Satz gefallen ist.

Realitätsferne und Gedankenlosigkeit sind passgenau das, was das ärztliche Handeln mit auszeichnet, besonders wenn es sich in der Totalen Institution Klinik abspielt. Das ist eine abgeschottete Parallelwelt, in der Ärzte die Macht innehaben, ohne dass nennenswerte Kontrollen vorhanden wären. Ärzte lernen schon während des Studiums, Patienten lediglich als Objekt ihrer offiziell als wohlmeinend ausgelobten Dienste anzusehen.

Die moderne Gewaltforschung befasst sich in der Regel mit der „großen“ Gewalt, Völkermord, Folter und Kriegsverbrechen. Die Erkenntnisse lassen sich aber auch auf die „kleine“ alltägliche Gewalt übertragen, die deshalb aber noch lange nicht harmlos ist. Laut neuerer Gewaltforschung muss beim Nachdenken über Gewalt berücksichtigt werden, dass Gewalt kein gesellschaftlicher Unfall ist, sondern eine normale "Machtaktion" und zuverlässige "Konfliktstrategie", die vor allem auf die Gefühlswelt der Menschen, auf die Emotionen und das Vorstellungsvermögen zielt.

Schon Nietzsche beschrieb den Moment elementarer Erregung, dem eigenen Willen Geltung zu verschaffen. Das gleiche berauschende Machtgefühl beschreibt einer der „Wärter“ im Stanford-Prison-Experiment. "Autorität zu spielen macht Spaß. Macht kann ein großes Vergnügen sein.“ Als Motiv reicht die Lust völlig aus, für einen Augenblick die absolute Macht zu haben. Gerade auf die Narzissten im weißen Kittel trifft das zu, Macht auszuüben ist ein ständig anzutreffendes Motiv, das natürlich intensiv geleugnet wird.

Man muss sich von der alltäglichen Vorstellung verabschieden, für Gewalt müsste ein triftiger Grund vorliegen oder sie sei irgendwie dämonisch.

 

 

Gewalträume sind Ermöglichungsräume

 

„Gewaltoptionen setzen sich gegen andere Handlungsalternativen erst durch, wenn die Umstände es Menschen erlauben, Grenzen zu überschreiten.“ meint der Soziologe Randall Collins. Täter greifen vor allem dann zur Gewalt, wenn sie glauben, dass sie damit straflos durchkommen. Das ist von der Kriminologie auch vielfach belegt, nicht die Angst vor Strafe ist das Entscheidende, sondern die realistische Chance, erwischt zu werden.

Ärzte finden für ihre Gewalttätigkeit also optimale Bedingungen vor. Einerseits wird ihnen von Rechts wegen nur theoretisch eine Grenze gesetzt, wie die Kapitel über die faktische Rechtlosigkeit des Patienten und die Kungelei zwischen Juristen und Ärzten gezeigt hat. Andererseits wird die ärztliche Gewalt auch von Patienten „übersehen“ oder verleugnet.

Auch Opfer ärztlicher Gewalt tragen manchmal dazu bei, dass Gewalt stattfinden kann und rechtfertigen sie. Es spielen vermutlich Mechanismen ähnlich dem Stockholm-Syndrom eine Rolle (Identifikation mit dem Aggressor). Das steht mit Sicherheit im Zusammenhang mit der autoritativen Macht, die Ärzte innehaben und die sehr gefestigt ist. Die Folge ist kognitive Dissonanz, die den Mythos vom guten Arzt unbedingt aufrechterhalten muss. Die Faktenresistenz, die manche Patienten an den Tag legen, ist äußerst eindrucksvoll.

Auch können sich Narzissten im weißen Kittel bei ihren Gewaltakten trotzdem meisterlich als Menschenfreunde in Szene setzen, Gewissensberuhigung, man handle ja gemäß Behandlungsstandard, inbegriffen.

 

 

Einhegung von Gewalt

 

Soziale Beziehungen können so organisiert werden, dass die Gefahr der Gewaltanwendung sinkt.

Die einfachste und sicherste, aber auch vordringlichste Möglichkeit für Patienten, vor ärztlichen Übergriffen geschützt zu werden, ist der Ausbau der Patientenautonomie mit Rechten, die für Patienten auch durchsetzbar sind. Die Ärzte-Täter dürfen mit der Gewaltanwendung nicht mehr durchkommen, sie muss, anders als derzeit, wo Patienten von Gerichten auch noch in die Täterrolle gedrängt werden, konsequent geahndet werden.

Dem öffentlich immer wieder vermittelten Eindruck, es sei ganz in Ordnung, wenn Ärzte über eine Behandlung ganz allein bestimmen, muss entschieden entgegengetreten werden. Auch Journalisten müssen aufhören, Patienten verbal immer in eine passive Rolle zu drängen. Der Bedeutung der Selbstbestimmung für Patienten als ihnen zustehendes Menschenrecht muss in der Berichterstattung viel mehr Raum gegeben werden.

 

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Nachweise werden in Kürze nachgetragen